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Zum Tode von Berthold Wulf                      ein Dankesgruss

* 02.07.1926 / 11.06.2012
Beitrag von Reto Andrea Savoldelli, FR-Biederthal

Die folgende Betrachtung kann kein umfassendes und auch kein „wahres“ Bild von Berthold Wulf vermitteln. Sie im Kreis derjenigen Menschen vorzubringen, die am 18.August 2012 nach dem im Gedenken an Berthold Wulf in der Christengemeinschaft Zürich durchgeführten Handlung ihre Erlebnisse mit dem Verstorbenen austauschten, bestand keine Gelegenheit, weshalb ich sie in schriftlicher Form nachholen will. Berthold Wulfs gesellige Natur brachte es mit sich, dass er mit vielen Menschenkreisen in Berührung kam. Ich nahm ihn zunächst durch das Okular seiner Beziehung zu Herbert Witzenmann wahr und machte erst später nähere Bekanntschaft mit seinem schriftlichen Werk und dann auch mit dem Autor selbst. In das zu entwerfende Bild Berthold Wulfs fliesst auch das andere mit ein, das ich selbst zu verkörpern habe. Bei jeder anderen Darstellung wäre dies genau so.
     Als Herbert Witzenmann (1905-1988) noch lebte, zeigten die wenigsten Angehörigen seines Kreises Interesse, sich auch mit anderen originär produktiven Geistern näher zu befassen: eine Folge der Überbeeindruckung durch den Lehrer, wie dies für alle Schüler gilt. Das Widerstreben, als ich Berthold Wulf als einzigem der Redner der im Gedenken des 10-jährigen Todestages Herbert Witzenmanns durchgeführten Goetheanum-Tagung zwei Vorträge zu halten zugestand (er hatte dies zur Bedingung gemacht: zwei oder gar keinen), war bemerkenswert. Jene Tagung wurde im September 1998 von mir zusammen mit dem damaligen Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft Manfred Schmidt-Brabant vorbereitet. In ihr sprach Berthold Wulf über „Die Logik des Denkens (Hegel), die Logik des Fühlens (Goethe) und die Logik des Willens (Witzenmann)“.
    Berthold Wulf wurde 1953 in Stuttgart zum Priester der Christengemeinschaft geweiht, nachdem er zuvor dem Dominikanerorden beitreten wollte. Die erste Wirkensstätte war Berlin, gefolgt von je zwei Jahren in Heidenheim und in Heidelberg. Die längste Zeit arbeitete er, bis zu seiner „beruflichen Pensionierung“, im Zentrum der Sadt Zürich, mit deren Grundstimmung die vollsaftige Lebensfreude Berthold Wulfs auf gelegentlich befremdliche Weise kontrastierte. In den geistigen Hintergrund der Zürcher Stadtseele haben sich unter anderem der Zwingli-Protestantismus, die bürgerliche Stadtkultur Gottfried Kellers, die allgegenwärtigen psychologischen und psychotherapeutischen Lehren in der Nachfolge C.G.Jung‘s wie auch die Leistung-macht-Spass-Mentalität der hochdisziplinierten Verwalter von Aktenkoffern und Leistungsbonis in den Finanz- und Medienunternehmungen eingeprägt.
    Die erste Erinnerung an Berthold Wulf geht zurück auf eine gemeinsame Teilnahme an einer Sitzung des Alanus-Stiftungsrates
(nicht der Alanus-Hochschule, sondern einer zuvor bereits begründeten gleichen Namens) in einem zu diesem Zweck reservierten Raum im Zürcher Hauptbahnhof. Es muss wohl 1982 gewesen sein. Als Protokollant der Sitzungen des Stiftungsrates und für das Seminar für freie Jugendarbeit, Kunst und Sozialorganik, für den Gideon Spicker Verlag, für die Zeitschrift „Beiträge zur Weltlage“ und für die Alanus-Stiftung vollberuflich seit einem Jahr selbst tätig, stand ich jenem Menschenkreis als zentrale Auskunftsplattform zur Verfügung, ohne im Stiftungsrat eigenes Mitsprache- oder gar Entscheidungsrecht zu besitzen.
    Während einer Sitzungspause trat Berthold Wulf im Pissoir ohne jede Beklommenheit neben mich an den Uriniertrog und meinte, über die weisse Keramiktrennwand hinweg:
„Sie sind doch der selbstloseste Mensch, der mir begegnet ist.“ - Das war das erste, was ich von ihm direkt an mich gerichtet vernommen habe. Ich fühlte mich schlagartig beschämt, empfand ich die Aussage doch als reichlich überschwänglich und vermochte zudem die salopp zugeworfene Bemerkung nicht einzuordnen.
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