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Im katholischen Studentenheim Basel 1982 - mit Herbert Witzenmann im Vortrag eines Reinkarnationstherapeuten


Die nächste Begebenheit, so wie sie das heutige Leben zu schreiben vermag, enthält, im Gegensatz zu den vorigen, keine Begegnung, wie sie das Gespräch vermittelt.(1) Eher handelt sie davon, wie einer die Bühne des Zeitgeschehens betretenden, anonymen Gedankenlosigkeit begegnet wird. Die Seelenseuche, wie sie von jenem im Geistesleben neu aufgetretenen, sogleich zu erwähnenden Phänomen, das untergründige Leben infiszierend, ausschwärmt, suggeriert den mit ihrem Vorstellungsangebot Sympathisierenden, dass sie eigener Einsicht in die wesenhaften Fragen des Lebens unfähig und der Anstrengung zu ihrer Erlangung im Kniefall vor dem Experten, der es wissen muss, enthoben sind. Der Tragik, die mit einem, in seinen Symptomen, sich verstärkenden Verlust der Autonomiefähigkeit, des freien Menschenwillens als des geborenen Selbsterkenners und Selbstgestalters einhergeht, notfalls mit Humor zu begegnen, kann gelegentlich beinahe lebenswichtig sein. Wobei sich der Humor der Stumpfsinnigkeit der Mittel gegenüber entwickelt, deren sich die gemeinte Benebelung bedient. Worin die Fragwürdigkeit im vorliegenden Falle besteht, soll im Anschluss ausgesprochen werden.


Die Absicht brachte mich und meinen diesmal älteren Begleiter in das katholische Studentenheim Basels. Die parapsychologische Arbeitsgruppe hatte einen namhaften amerikanischen “Reinkarnationstherapeuten” zum Bericht geladen. Er absolvierte dies in Zusammenhang mit seinem soeben erfolgten Auftritt auf einem Kongress in Interlaken, wo er einigen hundert Aerzten sein Vorgehen nahegebracht hatte. - Das zwar interessierte Publikum blieb den Abend über (auch in der sich an den einleitenden Vortrag anschliessenden Aussprache) merkwürdig gehemmt und war überhaupt nur in kleinen Schritten zur Aufgabe seiner Verunsicherung durch die alle schweizerischen Usancen sprengende Vitalität des durch-und-durch den Vollblutoptimisten mimenden Amerikaners zu bewegen. Doch liess es sich durch die leibhafte Tatsächlichkeit des Vortragenden allmählich zur Anerkennung des Umstandes bewegen, dass “Arzt” und “Therapeut” woanders anderes bedeuten mögen. Überdies war er in erster Linie Hypnotiseur, wie sich bald herausstellen sollte. Seine Erkenntnisse stammten samt und sonders aus den Verbalreflexen seiner durch ihn in den Zustand, “in dem Träume wahr werden”, versetzten Patienten. Das untergründige Gruseln vor der “unvorstellbaren Macht” des Hypnotiseurs (zumindest im Zuschnitt der Regenbogenpresse) blieb den Abend über ein Moment, das nicht gänzlich zu verscheuchen war, was im übrigen dem Erfolg der Veranstaltung keinen Abbruch tat. Die saloppe Lebensfreude des Vortragenden, die in gebräunter Haut, im gepflegten Haar, im blendend-ungehemmten Lachen, in hellen, aufmunternd blitzenden Augen, jedoch auch im Goldschmuck der Ringe und Armketten genügsam Betonung fand, verstärkte das anfänglich ungeschickte Staunen des Publikums in einem Masse, dass es der Konsequenz, allmählich doch in bewundernde Zustimmung als Dank für die erfolgte Anregung der eigenen Lebensgeister überzugehen, nicht entraten konnte.



Der Vortrag selber reihte sich locker aus Geschichten und Geschichtchen, die in übersetzungsgeeignete Abschnitte unterteilt vorgebracht wurden. Der als Übersetzer fungierende Präsident der veranstaltenden Gruppe dehnte Glanz und Glitter des amerikanischen Originals in ein intonationsarmes Schweizerdeutsch aus, während der Professor, als ein solcher war er vorgestellt worden, diese Momente dazu verwendete, um nach einer Cola zu schnippen, die ihm prompt von der anwesenden Kontaktperson für nach dem Abend Therapiewillige vom nahen Getränkeautomaten her beigebracht wurde. So pendelte die Zuhörerschaft rhythmisch aus der Lust am fabulierenden Professor zurück in die Geduldsprobe, in die sie durch die eintönige Verständigungs-Dienstleistung sich versetzt sah, hin und her.


Aus den Geschichten einige Proben, die der Bebilderung durch Farbdias, wie sie den Vortrag hintergründig begleiteten, entbehren müssen. Seine Berichte über die Lebens- und Todesumstände seiner Klienten aus, so wurde gesagt, früheren Erdenleben waren aus der atemberaubenden Fülle von dreitausend Fällen gegriffen, die bald in einer zweibändigen Faktensammlung dem Druck übergeben werden sollen.


Da ist zum Beispiel die Geschichte von der feschen Journalistin, die von ihrem Chef zum “Reinkarnationstherapeuten” geschickt wird, damit daraus eine zügige Story werden kann. Dies auch dann, wenn nichts weiteres als Bluff dahinterstecke. Die Journalistin ist nun eine normale Bürgerin des Landes, “she doesn’t believe in all this supersensual nonsense”. Aber kaum liegt sie auf der Couch (das Lichtbild zeigt die Blondine neben ihrem Hypnotiseur), ist sie auch schon durch Blick und Stimme des bereits als Storyhelden Agierenden in die Sümpfe des Amazonas hinabgezogen, die sie als im letzten Jahrhundert als in diesen unwirtlichen Gegenden Verkörperte nicht durchwatet, sondern in die sie unter schrecklichen Gurgellauten, authentisch im Jetztleben auf der Couch liegend ausgestossen, abgesunken sein soll. Sogar das vergebliche Greifen nach der Wurzel der Liane fehlte nicht. Indessen ist die Vermutung nicht völlig von sich zu weisen, dass der Hypnotiseur über ihr tragisches Vorgeschick selber nicht erstaunt war, hatte er doch bald einmal im Vorfeld seiner Erkundigungen die vieldeutige, für ihn aus dem unmittelbar Vorliegenden unverständliche Wasserscheu seiner Klientin entdeckt. Sie konnte, wie er erzählte, stundenlang an ihrem Swimming-Pool sitzen und nichts weiteres als ihre grosse Zehe tunken. Dies Indiz kann Bände sprechen. Auf jeden Fall veranlasste er die Klientin zum schmerzvollen Anblick einer mädchenhaften Wasserleiche, denn, so sagte er sich, “Selbsterkenntnis” ist (vorgeblich auch im hypnotisierten Zustand des auf Unterwasserzustände Fixierten) das allein Heilbringende, so unangenehm sie im übrigen sein mag. Die erfolgreiche „Rückführung” hat das ganze Leben der Journalistin grundlegend geändert. Aus ihr ist, will man den Worten ihres Arztes Glauben schenken, eine richtige Wasserratte geworden. Und nur eines plagt sie noch: ihr macht nun das aufgetretene Schwimmohr zu schaffen. Dieser als Schlusspointe vorgebrachten Bemerkung wurde ihre Fröhlichkeit verbreitende Spitze durch die Tatsache etwas abgestumpft, dass offensichtlich nicht alle Anwe-senden wussten, was ein Schwimmohr ist.


Im weiteren wurde die Geschichte vom alten Haudegen mit dem schmerzhaften Nacken vorgebracht. Um es kurz zu machen: er soll erhängt worden sein. Und zwar in den Wirren des amerikanischen Bürgerkrieges. Alles konnte ausgemacht werden: die Stadt, aus der er rekrutiert wurde, sein Verhalten in der entscheidenden Schlacht, die Farbe seiner Uniform (blau), Form der Hutkrempe, Gewehrtyp usw. Alle im hypnotisierten Zustand gemachten Angaben wurden genauestens überprüft und mit der Wahrheit als übereinstimmend befunden. Der oft während des Vortrags erfolgte Verweis auf die ausgleichende “Gerechtigkeit” der “Reinkarnationsgesetze” (”wenn man z.B. Frauen, Schwarze, Homosexuelle usw. verachtet, so kann es einem leicht passieren, sich im nächsten Leben als solche wiederzufinden”) blieb in diesem Falle scheinbar aus. Denn es handelte sich um eine die Regel bestätigende Ausnahme, da ja dem unbescholtenen Manne nichts als schreiende Ungerechtigkeit wiederfuhr. Er hatte nämlich den Auftrag erhalten, zwei gefesselte Deserteure dazu zu bewegen, sich vom Kampfplatz hinweg zum nächsten Militärrichter zu begeben. Er erhielt zur Selbstverteidigung und zur Bekräftigung seines Aufgebotes, das er an die zwei zu machen hatte, eine Waffe in die Hand gedrückt. Auf der Reise vermochten die zwei Deserteure sich aber aus ihrer misslichen Lage zu befreien und sich der Waffe zu bemächtigen, so dass der Ärmste schleunigst eine in der Nähe kampierende Truppeneinheit um Hilfe angehen musste. Vor den Kommandanten gestellt, leugneten nun die beiden Bösewichte ihre Schuld, gaben vielmehr vor, dass jeweils die übrigen zwei die besagten Fahnenflüchtigen seien und dass es sich bei ihnen um die mit dem Transport Beauftragten handeln würde.

Eine obrigkeitliche Verfügung lag bei keinem brieflich attestiert vor. Der Kommandant, unwillig über das sich auftürmende Erkenntnisproblem, liess kurzerhand, in amerikanisch abgewandelter salomonischer Art, alle drei erhängen. Dass nun der derart vom Schicksal förmlich Geprügelte auch in seinem nächsten Leben an unheilbaren Nackenschmerzen (auf jeden Fall bis zum Tage der Rückführung) leiden sollte, konnte man nicht anders denn als Hiobsprüfung auffassen, wenn man sich des Murrens gegen die Schicksalsmächte erwehren wollte. Der Vortragende sah hierin jedoch keine nennenswerte Schwierigkeit, hatte sich der Ärmste doch, gerade weil er das über ihn verhängte Todesurteil als ungerecht empfinden musste, bis zuletzt gegen sein Schicksal unbotmässig “verkrampft”.



Dann war da noch die Geschichte von demjenigen, der übertriebene Angst vor dem Feuer zeigte. Auch dieser Fall in Überraschung an derjenigen Stelle einmündend, wo sich die Rekonstruktion der Ereignisse den sich aufdrängenden Vermutungen anschlossen.

Das Empörende, das diese Geschichten für den nicht völlig Betäubten, das heisst für jeden, wenn auch nicht vollbewusst, durchzieht, ist, dass mit ihnen Erläuterungen zur Idee der Wiederverkörperung des menschlichen Geistes vorliegen sollen. Das sich individualisierende menschliche Geisteszentrum, welches seine eigenen Entwicklungsbedingungen in sich wiederholenden, irdischen Lebensläufen durchschauen allmählich durchschauen soll (in der Ausführung der Darstellung, wie sie u.a. das Kapitel „Wiederverkörperung des menschlichen Geistes und Schicksal” in Rudolf Steiners “Theosophie” enthält), vermag dies nur, wenn es zuerst Antwort auf die Frage findet, ob dem geistigen Inhalt, den der Mensch im Selbst erfassen des Denkens als “Ich” erfährt, erfühlt und betätigt, eine über die Bedingungen des gewöhnlichen Bewusstseins hinausgehende existentielle Realität (um die Tautologie zu benutzen) zukomme. Die Frage, ob “Ich” als der in einer auf sich gewendeten Denktätigkeit ergriffene Geistinhalt die Vermittlungsfunktion des mit dem Tod endenden Leibeslebens überdauern könne, muss sich vor der anderen nach der Wirklichkeitsgemässheit der Wiederverkörperungsidee beantworten lassen. Denn liefert doch erst die auf Einsicht, nicht auf Vorliebe beruhende Bejahung der ersten die Voraussetzung, die zweite sinnvoll stellen zu können. Meint doch die Wiederver-körperungsidee die in einer physisch-irdischen Leiblichkeit sich wiederholenden Lebensläufe eines “Ich”. Dieses muss daher seine existentielle Begründung nicht aus dem Zusammensein mit einem Erdenkörper ziehen wollen (auch dann nicht, wenn die Früchte dieses Zusammenseins seinem Inhalt übergeben, ja ihn selbst wesent-lich ausmachen würden). Andernfalls wäre es unangebracht, von einer Verkörperung, vielmehr angemessen, mit dem Beginn eines neuen Lebenslaufes von einem Neuentstehen des “Ich” (das dann kein “Ich” wäre) zu sprechen. So wie auch ein Aufwachender, dessen Gedächtnis über Nacht ausgelöscht worden wäre, sich mit dem Wiedergewinn des Sinnes- und Selbstbewusstseins als neugeboren, oder in dieser Konstruktion vielmehr als bloss neuartig und damit seinem Entstehungsursprung fremd vorkommen müsste. Angenommen, es träten nun für sein Bewusstsein Bildhaftes, Vorstellungen aller Art auf, die nicht im Bezug zu den ihn in der Sinneswelt umgebenden Dingen und Vorgängen ständen, doch auch nicht durch eine innerseelische Bewegungkraft wie sie für das Erinnern charakteristisch ist, hervorgerufen worden wären, so könnten für denjenigen, der eines psychologischen Erkennens fähig wäre (auf keinen Fall der Betroffene selbst) mehrere Möglichkeiten, die die aufgetretenen Bewusstseinsinhalte erklären würden, offenstehen. Den Mutmassungen des die Forschungsaufgabe stellenden Bewusstseinsträgers könnte er bei der Lösung des Problems kein wesentliches Gewicht zubilligen, noch weniger, als es der auf der Unfallstelle erschienene Polizist den sich widersprechenden “Tatsa-chenberichten” der Beteiligten und Passanten gegenüber tun kann. Er sieht sich gezwungen, Aufschluss vielmehr von der Lage und Stellung der Fahrzeuge, ihrer Karrosserie- und Funktionszustände, der Bremsspuren und am Rande des Geschehens demolierten Sachgegenständen zu erhoffen. - In einem ähnlichen Vorgehen könnte unser Psychologe vielleicht, abgestützt auf, für den Betroffenen äusserliche, Datas, zum Ergebnis gelangen, dass es sich bei den, was ihren Ursprung angeht, unerklärten Vorstellungen tatsächlich um wiederum sich ins Bewusstsein hineindrängende Eindrücke eines verflossenen Tages handeln könnte (so wie ein “aktuelles” Fernsehprogramm von dem gleichzeitig in Betrieb stehenden Video-Recording-System durch ein vormals aufgezeichnetes aufgrund eines technischen Defektes überlagert und gestört werden kann). - Oder aber er käme zum anderen Ergebnis, dass die fraglichen Vorstellungsinhalte völlig wesensfremden Ursprunges seien (wobei in einer konsequenten Durchführung unserer Annahme des vollkommenen Fehlens der Innerlichkeitsfähigkeit, der Gedächtniskraft, die Unterscheidung von inneren und äusseren Ursprüngen hinfällig würde). Dass demnach ein anderes Wesen diese fehlende Innerlichkeitsgrundlage dazu benützen würde, seine eigenen Inhalte in dieser ungewohnten Art auszuleben. Was auch immer das Ergebnis wäre, eines ist mit Sicherheit davon ausgeschlossen: der Gewinn einer vertieften Selbsterkenntnis beim seelisch Untersuchten, einen dauernden Gehalt betreffende Dimension!


Der Ewigkeitsgehalt eines Überzeitlichen (ein Unendliches kann nicht zeitlicher Natur sein), den der Mensch in sich erhofft, der jedoch, in der Haltung des Begehrens verbleibend nicht zu gewinnen ist, erhält keine Stütze durch die dem Verstand sich aufzwingende Hypothese eines Ewigen, doch gegenwärtig faktisch Unbewussten. Denn was er sucht, ist nicht die Beharrlichkeit des am Meeresufer stehenden Felsens, von dem auch angenommen werden kann, dass er nicht erst mit dem heutigen Tage nass wird.


Die Frage der Wiederverkörperung richtet sich nach dem Schicksal, dem der in volldurchfühlter Eigentätigkeit ergriffene Geistgehalt des “Ich” unterliegt. Sie meint die Steigerung des Dauerwesens durch fortschreitende Individualisierung der erkennenden Tätig-keit, nicht die Autosuggestion durch, den jetzigen Empfindungs- und Erkenntniszustand überschwemmende, Visionen. Die Wiederverkörperung in das Gebiet der Parapsychologie abdrängen zu wollen, ist schlimmer Unsinn. Denn die Idee der Wiederverkörperung des menschlichen Geistes betrifft ein Gebiet, für welches Parapsychologie weder Anspruch noch Möglichkeit eines erkennenden Eindringens aufweist. Eine solche Beschäftigung mit einem vermeintlichen Wiederverkörperungsgeschehen, bei dem das Wesentliche, nämlich dasjenige, was sich wiederverkörpert, unberücksichtigt bleibt, in der lediglich ein verstandesförmig aufgefasster übersinnlicher Automatismus, vorgestellt in der Wirkart der im physisch-sinnlichen gewonnenen Naturgesetzlichkeit, angenommen wird, zeigt seine Gegensätzlichkeit mit einem inhaltsvollen, echten Wiederverkörperungsgeschehen aufs schärfste.


Wahre Wiederverkörperungswissenschaft, wie sie Rudolf Steiner begründet hat, ist gleichzeitig Bildung und Stärkung des Wiederverkörperungsgeschehens. Dies geht aus der Idee einer tätig schöpferischen, nicht bloss abbildenden Wirklichkeitswissenschaft hervor, denn was vermöchte sich wohl zu verkörpern, das nicht zunächst gebildet worden wäre? Und bildet sich das Menschen-Ich, ohne dass es auch erkannt würde? - Es ist eben unmöglich, das “Ich” auf seine Kontinuitätsfähigkeit hin zu überprüfen, wenn das Lebensgebiet verlassen wird, in dem es seine Entwicklungsbedingungen findet. Und dies ist im Zustande der Hypnose doch fraglos der Fall. Dass sich überhaupt In-Sich-Identisches in den in ihr auftretenden Bilderlebnissen äussert, muss dem während der Hypnose zur Untätigkeit bestimmten Identitätsorgan autoritativ von aussen beigebracht werden. Im vorliegenden Fall waren es die ungeprüft hingenommenen Vorstellungen im Hinblick auf das, was einzutreten hätte und zu erwarten wäre und überdies die suggestive Auffassung des Hypnotisierenden während der Hypnose selbst (”Die Person, die du siehst, bist du selber, geh zu ihr hin, was macht sie jetzt? ... usw.”), die den Hypnotisierten im Wahn verstärken, dass er zu Einsichten in frühere Erdenleben gekommen sei. Eine Möglichkeit erkennender Vergewisserung besitzt der Hypnotisierte schon deshalb nicht, da er in seinem dumpfen Zustand (im Bezug auf seine Selbsterfassung) demjenigen, der sich in den aufsteigenden Bildern wieder zu erkennen wähnt, ohnehin weit entrückt ist. Sein Erkenntnisvermögen ist durch die seelische Vergewaltigung, wie sie jede Hypnose darstellt (um es auch unbeschönigt zu sagen), noch weit mehr als dem Trauminhalt gegenüber verunmöglicht.


Im Traumgeschehen tritt oft der Träumende als Traumperson selbst auf. Die gesunde Seelenverfassung webt in der durchfühlten Traumlandschaft das Empfindungsurteil: “In dieser Person erkenne ich mich wieder”. Doch vermag der Erwachte allein die träumende Phantasie in den Gesichtspunkten, welche ihrer Wirksamkeit unter-lagen, aufzuhellen. Das ans Tageslicht gezogene Erkenntnisleben korrigiert den Wirklichkeitsglauben, den der Träumende seinen Erlebnissen gegenüber aufbringt. Die seelischen Realitäten sucht er nicht im Inhalte der Traumvorstellungen, sondern in der diese stützenden Traumstimmung, die, einem musikalischen Geschehen ähnlich, die Dramatik des Traumes bestimmt. Obwohl der Träumende seine eigene Person in Situationen erblickt, die nicht aus der Erinnerung an das Wachleben des Träumenden geholt sind, so würde sich bei gesunder Einschätzung der Dinge nie das Urteil anschliessen können, dass die geträumten Erlebnisse den Inhalt früherer Erdenleben wiedergeben würden. Diese gesunde Einschätzung fehlt dem Hypnotisierten wie dem Hypnotisierenden gegenüber den das Bewusstsein erfüllenden Bildinhalten.


Man bequemt sich, zur Auffassung gezwungen zu sein, dass jene Bildvorstellungen früheren Erdenleben entstammen, umsomehr, wenn der Hypnotisierte oft Kenntnisse und Fähigkeiten zeigt (z.B. das Sprechen einer nie gelernten Sprache), die er sich nie bewusst angeeignet hat und die er auch, in das Normalbewusstsein zurückgekehrt, wiederum vermisst. Dass dieser Zwang jedoch auftritt, hat seinen Grund in nichts anderem als der Unwissenheit über höhere psychische und spirituelle Vorgänge, im Begehren des sinnengestützten Verstandes, sie dem Alllgemein-Verständlichen analog vorzustellen, und in der Unfähigkeit, die zum wirklichen Verstehen der in Betracht kommenden Vorgänge nötigen Begriffsbildungen vorzunehmen.


Dass Vorstellungsangebote, die mit der Wiederverkörperung in Zusammenhang stehen, neuerdings gleich vorurteilsvoll eingesogen werden wie sie vor einigen Jahren noch als in ihrer märchenhaften Phantastik wuchernd, überhaupt nur dem archaischen Osten ent-schuldbar, abgelehnt, ja nicht einmal der Ablehnung für würdig befunden wurden, liegt im offen zu Tage getretenen Wunsche begründet, sich im Kern als unzerstörbares Dauerwesen erfassen zu wollen. Übermächtig schlägt dieser Wunsch in seiner leibselbstisch bezogenen Weise Wurzeln in den seelischen Untergründe unserer Zeit. Er vermag, zwar in anderer Form, als in welcher er sich ursprünglich bestimmt sieht, echte Erfüllung zu finden, wenn er den Ruf aus dem Geistbereich, der ihm entgegentönt, nicht als für sein Begehren abwegig überhört. In jenem klingt ein zweiter, dieser der menschlichen Seele unüberhörbar, da er in einem Aufruf an diese selbst sich kund gibt, nämlich sich den gesuchten Erkenntnissen aus eigenen Kräften zu nähern, um hierdurch den Aufbau des allein überlebensfähigen Geistselbstes in die eigene Verantwortung zu nehmen.


Doch gilt es dabei, auf Rudolf Steiner einzutreten. Die für unsere Tage so zuverlässige Begründung einer geistigen Wissenschaft durch ihn wird allzuoft in ihren wesentlichen Punkten verschwiegen und übergangen. Obwohl jeder in Aneignung des durch sie dargestellten Methodenbewusstseins die Antworten zu erringen versteht, ohne die ein heutiger Mensch nicht mehr gesund sein Leben zu führen vermag. Denn wie liesse sich in diesen schweren Tagen eine beherzte und befriedete Unerschütterlichkeit begründen, die nicht von einem vollbewussten Sinnerlebnis auszugehen vermöchte? Und welch unnütze und letztlich unwirksame Sinngebung, die nicht vom Einzelnen in Freiheit ergriffen und aufgebaut wäre! Doch gerade wenn dies in individuell vollgültiger Weise geschieht, erweist sie ihren Sozialbezug, nach dem so viel und oft so missklingend gefragt wird. Wer kann von sich behaupten, zum produktiven Quell, zum Ansatz der Umgestaltung unserer morschen Zivilisation vorgestossen zu sein, ohne der überragenden Vorleistungen Rudolf Steiners zu gedenken? Dabei ist nicht an einen pietätvollen Hinweis auf sein unfassliches Überragen gedacht, sondern an ein Innesein der Tatsache, dass dieses Werk und sein Urheber es sind, welche, selber dem Quell geistiger Erneuerung entsprungen, diesen auch für das Geistesleben der Nachfolgenden eröffnen und im weiteren beschützen werden.


So kann sich derjenige, der vor sich selbst wahrhaftig bleiben will, nicht den Anforderungen verschliessen, welche jenes Werk stellt. Wir verschliessen uns vor ihm nicht nur in Ablehnung und Bekämpfung, sondern auch in der distanzierenden Heroisierung und gemütlichen Mythenbildung, in der klassifizierenden und spekulierenden Vermummung des Autors durch unbotmässige Buchstabenheiligung, die alle das Verbannungsurteil über den Lebendigen sprechen und ihn aus dem Gebiet der wirksamen Geistesmächte in das unwirkliche Reich der Geistesgiganten stossen, deren Gipsmünder auch dann schweigen, wenn ihr Lorbeer in eine goldene Aura getunkt wurde.

Wenn hingegen der Wille sich verdeutlicht, nicht nur in Rudolf Steiners Fusstapfen zu treten, wie sie seine in Vorstellungen gebrachten Geistanschauungen darstellen, sondern auch die Wegrichtung, die er vorausgehend eingenommen hat, selber unbeirrt, soweit es Schicksal und Kraft zulassen, einzuschlagen, dann wandeln sich die Stapfen zu Spuren, die ahnen lassen, in welcher Umgebung und Begleitung Rudolf Steiner schreitet. In ihr kann jeder sich selbst beheimaten und damit seinem Wiederverkörperungs-bewusstsein eine unzerstörbare Stütze geben. Anders, wenn der Blick vom Abdruck, den der unermüdlich Tätige im kulturellen Leben der Menschheit hinterlassen hat, sich nicht mehr zum Vorwärts-Schreitenden im eigenen Wesen erhöbe: das Gefühl, auf zwar grossem Fuss zu leben, wäre kein eigentlicher Ersatz. Man drückte die Stapfen so sehr in den Untergrund, dass man wohl bald an Stelle träte. Gerade das jedoch darf nicht sein.

 
 
 

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