Was ist und will das Seminar ? (1)


Die heutige Weltlage und die gegenwärtige seelische Verfassung der Menschen verlangen erhöhte Aufmerksamkeit .


Die weltweite Chaotisierung und die allgemeine Gesinnungsverwirrung , deren Zeugen wir sind , werden nicht von Warenmangel , nicht von Krankheiten , nicht von Ungerechtigkeiten und von Konfliktgewalten verursacht , sondern in allen erdenklichen Situationen einzig und allein von der Verneinung und Missachtung der freien seelisch-geistigen Aktivität des einzelnen Menschen , in jedem von uns . Wer nicht geneigt ist , mit diesem selbstzerstörerischen Verhalten zu brechen , braucht hier nicht weiter zu lesen .

Die spirituelle Aktivität des einzelnen Menschenwesen findet immer statt , auch wenn sie in den unterbewussten Seelengefilden des alltäglichen Bewusstseinslebens träumt und schläft . Ohne sie würden wir nichts unternehmen können , nichts miteinander besprechen und nichts nachvollziehen können . Die gemeinte spirituelle Aktivität nimmt im menschlichen Bewusstsein die Form des Denkens an , des Hervorbringens von Gedankeninhalten und der Entfaltung von Gedankenzusammenhängen . Das tritt ins Licht des Bewusstseins , wenn wir gewillt sind , durch Aktivierung der Selbstbeobachtung für das , was im eigenen Bewusstsein vorkommt , uns zuständig und verantwortlich zu erklären . Diese spirituelle Aktivität lässt sich in drei Hauptrichtungen verfolgen .


Dies letztere zu tun ist Sinn und Zweck des Seminar . Einerseits als Ort der Begegnung und Einführung in diese Verantwortungsgesinnung und anderseits als Ort der Vertiefung und Bearbeitung von sich dadurch eröffnenden , geistgemäßen Initiativen . In aller Bescheidenheit angesichts der zur Verfügung stehenden Mittel sind die im Seminar seit seiner Begründung durchgeführten Tätigkeiten als ein in diesem Sinne modernes Schulungsangebot zu verstehen . Dies kann weiterhin , je nach Einladung und Nachfrage , in Form von Gesprächen , Publikationen , Seminar-Stunden , Arbeitstagen und Tagungen regelmäßig oder an verschiedenen Orten punktuell durchgeführt werden .


Die drei gemeinten Hauptrichtungen lassen sich in die folgenden Gedanken fassen : Erkenntniswissenschaft , Sozialästhetik , ethischer Individualismus .


Die Erforschung und Anwendung des Erkenntnisprozesses führt aus der primär vorgefundenen Trennung zwischen den gegebenen sinnlichen wie übersinnlichen Wahrnehmungen und den getätigten begrifflichen Zusammenhangsbildungen , durch sekundäre , bewusstgeführte Dekomposition- und Rekompositionsprozesse , welche die Weltwirklichkeit wie das Persönlichkeitsbewusstsein betreffen , hinauf zu kulturell neuartigen , tertiären Aufgliederungen von sich unterscheidenden wie sich ergänzenden Weltanschauungen mit ihren jeweiligen spezifischen Forschungsmethoden und Forschungsresultaten . Hierbei klärt sich die Einbettung des menschlichen Ich-Wesens in die Weltstrukturen , wie auch die unterschiedlichen Natur- und Geistesreiche in der Entwicklung der individuellen Menschwerdung ihren Sinn finden .


Die Wurzeln einer Sozialästhetik müssen im künstlerischen Schaffen und Erleben gesucht werden . Nicht theoretisch , sondern im effektiven Gestalten und Bewegen , im Vernehmen und Aufnehmen . Die bewusst erfolgende Wechselwirkung zwischen produzierendem Künstler und miterlebendem Betrachter weckt den Sinn für Materialveränderungen und Formverwandlungen und führt auf dem ästhetischen Spielfeld dazu , die Menschen ihre Entwicklungsschritte finden zu lassen . Die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Stoff der Gestaltung im Wechsel von Zurückdrängung und Durchdringung ist ein Inkarnationsweg . Die erkennende Entzauberung von Formen und Lebensverhältnissen geht mit der Verarbeitung und Läuterung der Schicksalsbeziehungen einher . Wenn Kunst nicht mehr als Alleingang des Genies , sondern als Austausch oder Gespräch ausgeübt wird , entsteht die ästhetische Gemeinschaft .


Was unter der Bezeichnung "ethischer Individualismus" , die auf Rudolf Steiners Freiheitsethik zurückgeht , verstanden werden kann , bedarf insbesondere in den gegenwärtigen örtlichen und weltweiten sozialen Wirrnissen der größten Beachtung . Die Gedanken- und Erkenntnisfreiheit legt das wissenschaftliche Fundament und die künstlerische Ausdrucks- und Gestaltungsfreiheit öffnet den sozialästhetischen Raum für die selbstverantwortliche Handlungsfreiheit des Einzelnen. Handlungen , die aus freien individuellen Intuitionen entstehen , ergänzen sich gegenseitig harmonisch — "organisch" möchten manche sagen , doch reicht das nicht , da selbst dem vollgesund Organischen die menschliche Gabe der schönen Gestaltung noch fehlt —, da doch freie Handlungen weder aus egoistischer Habgier noch des automatisch angestrebten Erfolgs wegen ausgeführt , auch nicht an klimaschonenden , artgemäßen oder fairtradigen Wirtschaftsweisen abgelesen werden , sondern sich im Einklang mit der universellen Geistwirksamkeit ereignen.


Die skizzierten Perspektiven können auch als Aktualisierung von anthroposophischem Menschenverständnis und Weltauffassung verstanden werden . Oft wird nach einer neuen , besser nachvollziehbaren Darstellung der Anthroposophie gefragt . Man bildet sich ein , Rudolf Steiner sei nicht mehr modern oder gar unverständlich geworden . Eine zurecht angestrebte , zeitgemäße Darstellung der Anthroposophie wird nicht durch Verflachung von Rudolf Steiners Ausführungen , durch Änderungen von Bezeichnungen , durch programmatische Schematisierungen , durch philologische Tiefengrabung gewährleistet , sondern nur durch eine eindeutige Verarbeitung und Vertiefung der seelisch-geistigen Dimensionen aller menschlichen Lebensbereiche dort , wo Wiederverkörperung des individuellen Geistes und Schicksalskontinuität walten .