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SeminarRundbrief N°69 / Juli 2026

Für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft


Auch mir ist das wachsende Interesse für Herbert Witzenmann aufgefallen. Sein schriftliches Werk liegt im Gideon Spicker Verlag vor, wobei ich als dessen Geschäftsführer die Hauptschriften der letzten Erdenjahre des Autors veröffentlichen durfte. Überdies im SeminarVerlag Basel, der 2004 für die Herausgabe seiner autobiographischen und lyrischen Werke begründet wurde. Seit einigen Jahren liegen einzelne Schriften auch auf Französisch, Italienisch, Russisch und Englisch vor. In Texten anderer Autoren finden sich vermehrt Zitate und Verweise.


Die grösste Bedeutung hat in meinen Augen das erwachte Interesse bei denen, die von Sorge erfüllt auf den Zustand der anthroposophischen Gesellschaft blicken, welche nach dem Tode von Albert Steffen im Jahre 1963, dem letzten Mitglied des "Urvorstands", geistig weitgehend orientierungslos wurde. Viel zu wenige Mitglieder suchten aus erkenntnisgetragener Verbindung mit Rudolf Steiner, der keinen Nachfolger in der Führung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ernannt hatte (und somit ihr Leiter blieb), den von ihm entwickelten und dargelebten Gründungsimpuls mit vollem Bewusstsein aufrecht zu erhalten.

Dei Monate vor dem Tode Albert Steffens wurde Herbert Witzenmann, damals 58-jährig, in der Jahresversammlung vom 13. April 1963 den Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft als neues Vorstandsmitglied vorgestellt, wobei ihn Steffen gegen den von einigen Gesellschaftsfunktionären erhobenen Vorwurf seiner sozial unverträglichen "Einsamkeit" zu verteidigen hatte.


Albert Steffen: "Wenn man dann in Betracht zieht: Einsamkeit ist doch die Vorbedingung, dass man ein schöpferischer Mensch wird und auf sich selbst stehen kann. Denn erst, wenn man ein einsamer, ganz einsamer Mensch ist, kann man das Du so recht vollständig in seiner Größe oder in seinen Möglichkeiten lieben. Nun, ein solch einsamer Mensch wurde zum Beispiel Herbert Witzenmann genannt. Aber Herr Witzenmann hat uns gerade in seinen Vorträgen gezeigt, wie die Hauptsache darin besteht, dass man ein Verhältnis zum Du bekommt. Und für ihn ist das grösste, das herrlichste, das göttlichste Du die Anthroposophie selbst. Ja, das ist dann etwas, was durchaus wieder gewürdigt wird."  - Die anwesenden Mitglieder bestätigten Witzenmann danach (mit einer Gegenstimme) als ein neues Vorstandsmitglied.

Warum deutete wohl Albert Steffen in den Sätzen, mit denen er Herbert Witzenmann den Zuhörern näher brachte (er selbst kannte ihn seit Jahrzehnten) auf das hohe Geistwesen hin, das seine geistige „Substanz“ aus den moralisch-seelischen Kräften der führenden Anthroposophen zieht, die sie an dem Ort, wo sie das Leben hingestellt hat, in Fortführung des Begrün-dungsgeschehens der anthroposophischen Gesellschaft zu Weihnachten 1923/24 als Opfergaben der freien Selbst- und Weltverwandlung im Verein mit anderen auszuüben bereit sind ? - In der diesjährigen Jahresversammlung der Gesellschaft wurde das Ende der Herausgabe von rund vierhundertfünfzig Bänden der Rudolf Steiner Buchausgabe gefeiert, welche die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung in den letzten Jahrzehnten mit den Mitarbeitern des Archivs und der finanziellen Unterstützung vieler Personen und Gremien durchzuführen in der Lage war.


17.April 2026 / Die GA Rudolf Steiner, aufgereiht am Rand der Goetheanumbühne


Die GA Rudolf Steiner stammt nicht von Rudolf Steiner und enthält auch nicht das Wesen Anthroposophie. Die Illusion, als könne man Anthroposophie aus den schriftlich mehr oder weniger treffend festgehaltenen Spuren von Rudolf Steiners mündlicher Lehrtätigkeit saugen, geht oft mit einer fehlenden Erkenntnisliebe für jenes von Steffen angesprochene "göttliche Du" einher. - Was zur Unterscheidung zwingt zwischen „anthroposophischer Bewegung“ (die aus der Gruppe von Einzelnen besteht, die seelisch-geistig unvereinigt bis einander feindlich gesonnen, den schriftlich festgehaltenen Äusserungen Rudolf Steiners im Eigenstudium nachgehen und danach persönlich initiativ werden) und den „anthroposophischen Gesellschaften“ (womit die vielen anthroposophischen Gruppenbildungen auf der ganzen Welt mit oder ohne Zusammenhang mit der zentralen Goetheanum-Gruppe gemeint sind). In diesem Neben- und Durcheinander schlägt sich die verlorene Orientierung der von Rudolf Steiner zusammen mit dem achthundertköpfigen "Grundstock" zu Weihnachten 1923/24 vollzogenen Begründung nieder. In ihr wurde, nach dem Worte Steiners, anthroposophische Bewegung und anthroposophische Gesellschaft in eins verbunden, worauf das von Albert Steffen angesprochene Wesen zu geistigem Leben erwachen konnte.


Der Begründungsakt, der fortwirken und nicht mit dem Ende der Weihnachtstagung abgeschlossen sein sollte, bestand aus dem Zusammenwirken dreier geistiger Kraftfelder. Das erste steht mit den Mantren der Grundsteinlegung zur Verfügung, das zweite wurde in der Bildung des Gründungsvorstands veranlagt und das dritte lag als ein offenbares Geheimnis in den Gesellschaftsstatuten Rudolf Steiners vor.


Über diese Statuten, die schon lange nicht mehr in Kraft stehen, wurde während des letzten Jahrhunderts viel nachgedacht und neueintretenden Mitgliedern als Realfiktionen präsentiert. Dass es sich bei ihnen nicht um eine beliebige Auflistung von fünfzehn Paragraphen, sondern um das sozialästhetische Leitbild einer zu errichtenden, neuartigen Mysterienstätte handelte (was an der rhythmisch angeordneten Darstellung des bereits Geleisteten und des gemeinsam Angestrebten abzulesen ist), hat Herbert Witzenmann kurz nach dem vom Restvorstand veranlassten, doch missglückten Versuch seiner Abwahl aus dem Goetheanumvorstand während der Generalversammlung 1979 erstmals dargestellt. Die erweiterte Zweitauflage seiner Schrift "Die Prinzipien der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft als Lebensgrundlage und Schulungsweg“, deren Inhalt sich an jeden ernsthaften Anthroposophen richtete, durfte ich im Jahr 1984 als Geschäftsführer des Gideon Spicker Verlags den Mitgliedern zur Verfügung stellen (siehe die Schrifthinweise am Ende des Textes).

Der von den Mitgliedern seelisch zu belebende ideelle Rhythmus, den Rudolf Steiner den Statuten eingefügt hat, entsteht durch die Bewegung zwischen den Erläuterungen für das interessierte Umfeld der Gesellschaft (in den ungeraden Paragraphen 1, 5, 9, 13), und den Hinweisen auf das geistig orientierende Organ der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (in den ungeraden Paragraphen 3, 7, 11, 15), wobei zwischen der jeweils nach Innen oder nach Aussen gewendeten Gruppen die geradzahligen Paragraphen eine vermittelnde Mittefunktion bilden.


Herbert Witzenmann erachtete §8 (der sowohl in der vermittelnden Paragra-phengruppe die Mitte und damit auch aller fünfzehn Paragraphen einnimmt) als Tor für die Kooperation mit den die Freie Hochschule für Geisteswissen-schaft geistig inspirierenden Geistesmächten. §8 spricht von den jedem interessierten Menschen zur Verfgung gestellten Forschungsergebnissen des in der Neuzeit erstmalig als Geisteswissenschaft erwachten Erkenntnischristentums wie von der Gemeinschaft ihrer Repräsentanten der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die als ein zu bildendes Kompetenzzentrum den für die geistigen Inhalte notwendigen Bewusstseinsschutz zu bilden haben.


Herbert Witzenmanns Aufgabe in der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft lag bis zu seinem Tode darin, alle Verantwortung tragenden Mitglieder und vor allem seine in der Goetheanumleitung mit ihm verbundenen Vorstandsmitglieder (Anm. die Unterscheidung zwischen Gesellschaftsvorstand und Goetheanumleitung wurde erst nach seinem Tode eingeführt!) auf die Notwendigkeit und die Bedeutung des Bewusstseinsschutzes hinzuweisen, der sich aus §8 ergibt. Denn erst bei gesund schlagendem Herz kann die Durchführung der im organisierten Gesellschaftsleben notwendig werdenden irdischen Vorgänge im Bewusstsein der geistigen Aufgabe der initiatorischen Hochschule erfolgen. Genau das hat Rudolf Steiner oft mit der Forderung des "Brechens mit allem Vereinsmässigen" angesprochen. Es bildete dies den Masstab für die Lebenskraft der neubegründeten Gesellschaft und sollte als Indikator ihrer Wirklichkeit dienen.



Der in der Mitte der fünfzehn Paragraphen stehende §8 hat den letzten Weltkrieg nicht überstanden. Anfang der 40-er Jahre haben die Herausgeber der Schriften befunden, dass sie nicht verstehen, was eine Hochschule für Geisteswissenschaft sein soll, die nicht von  Rudolf Steiner physisch geleitet würde, weshalb der von ihm in den Statuten angeordnete Vermerk ersatzlos gestrichen wurde.


§8. Alle Publikationen der Gesellschaft werden öffentlich in der Art wie diejenigen anderer öffentlicher Gesellschaften sein. Von dieser Öffentlichkeit wer den auch die Publikationen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft keine Ausnahme machen; doch nimmt die Leitung der Schule für sich in Anspruch, dass sie von vornherein jedem Urteile über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf entsprechende Vorstudien gestützt ist, wie das ja auch sonst in der anerkannten wissenschaftlichen Welt üblich ist. Deshalb werden die Schriften der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft den folgenden Vermerk tragen: «Als Manuskript für die Angehörigen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Goetheanum, Klasse ... gedruckt. Es wird niemandem für die Schriften ein kompetentes Urteil zugestanden, der nicht die von dieser Schule geltend gemachte Vor-Erkenntnis durch sie oder auf eine von ihr selbst als gleichbedeutend anerkannte Weise erworben hat. Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt, als die Verfasser der entsprechenden Schriften sich in keine Diskussion über dieselben einlassen.»


Witzenmanns mit grosser, dem Schmerz abgerungene, tolerante Duldsamkeit und seine konsequent in mehreren Stufen erfolgende geistige Hilfestellung fusst auf einem mit Rudolf Steiner geistinnig verbundenen Rosenkreuzertum, was in einer zukünftigen Folge genauer dargestellt werden kann. (Näheres dazu findet sich auch im 3.Band meiner Dokumentation “Die geistige Persönlichkeit Herbert Witzenmann - Ein Beitrag zum Verständnis der europäischen Kulturgeschichte.”, siehe die Schrifthinweise) - Witzenmanns geistige Hilfestellungen liegen in seinen Untersuchungen der sozialorganischen Grundkräfte zukunftfähiger Gemeinschaften vor. In der, die Aufgabe einer anthroposophischen Gesellschaft im Spiegel ihrer Jahresversammlungen, erhellenden Schrift „Gestalten oder Verwalten“ werden am Beispiel von Vorgängen der Jahresversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Jahre 1972, in einer intuitiven Gesamtschau des erwähnten Grundrhythmus vorgestellt, der jeder meditativ in Erfahrung zu bringen hat, der zum Leben der Gesellschaft einen produktiven Beitrag leisten will. (Das Entstehen der erweiterten Zweitauflage konnte ich 1986 am Steuer eines Personenwagens in Norwegen, der Autor schreibend auf dem Nebensitz neben mir, „hautnah“ miterleben.) - Vom Zusammenspiel des zentralen Rhythmus zwischen „Antrag des Mitglieds“ und „vollständigem Rechenschaftspflicht des Vorstandes“ (§10) ausgehend, werden die Fragen nach dem Verhältnis von „öffentlichem Recht“ und „spiritueller Rechtsbildung“, die Frage nach dem „Delegiertensystem“, dem Unterschied zwischen „lebendiger Repräsentation“ und „beamteter Delegation“, dem „Streben nach Erkenntnis als Gestaltungsprinzip“, dem jahrzehntelang verwirrt bemühten Unterschied zwischen „Anliegen“ und „Antrag“, der Bedeutung der „Abstimmung“ im Unterschied zur „Feststellung politischer Mehrheiten“ usw. usf. entwickelt.

Da die Hoffnung auf einen Neugewinn der geistigen Orientierung beim Autoren zu schwinden schien, gibt es in der genannten Schrift wiederholt Ansätze, die aus der Gesellschaftsgeschichte stammenden Schwierigkeiten als Beispiele für eine umfassende Einführung in die sozialorganischen Grundkräfte aufzu-fassen, um sie auch Initianten von zukünftigen christlichen Erkenntnisgemein-schaften empfehlen zu können.


Ein Beipiel der schwindenden Hoffnung: „…Doch kann man sich auch nicht davor verschliessen, dass den Gewohnheiten des heutigen Denkens, Fühlens und Wollens, selbst wenn diese bereit sein sollten, Darstellun-gen der hier vorliegenden Art theoretisch zur Kenntnis zu nehmen, nichts ferner liegt, als aus ihnen Folgerungen für das soziale Leben zu ziehen.“ (S.34). - Eine der wiederholten Hinweise der Übertragung des Gelernten auf eine nicht mit der von der Person Rudolf Steiner begründeten Gesellschaft  lautet: „Wiederum gilt Entsprechendes für alle modernen Wirkensgemeinschaften. Das Studium der Vorgänge innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft kann für deren Initiatoren die Bedeutung des Einsichtgewinns haben, den ein exemplarischer Beispielfall vermittelt. Sie können dadurch vor Irrtümern und Irrwegen bewahrt werden.“


Witzenmann schrieb mir am 27. Juli 1988, wenige Wochen vor seinem Tode, auf die von mir in Angriff genommene dreibändige Darstellung seiner Tätigkeit im Vorstand des Goetheanum Bezug nehmend:

"… Lieber Herr Savoldelli, ich kam noch nicht dazu, deutlich genug auszusprechen, wie sehr ich mich darüber freue, dass Sie sich entschlossen haben, Ihre Zeit und Kraft einer Dokumentation über die Gesellschaftsgeschichte zu widmen. Die Beschäftigung mit diesen zum Teil sehr unerfreulich schwierigen Dingen fordert gewiss Entsagung, gehört aber auch zum Interessantesten für den Erforscher der sozialen Verhältnisse…"


Einen Monat zuvor, am 24.Juni, hatte ich von ihm bereits einen Dankesgruss erhalten (zu jenem Zeitpunkt hatte er die ersten dreissig Seiten des ersten Bandes bereits in Händen):

"… Dass Sie sich der ja schwierigen und beunruhigenden, aber doch höchst wichtigen und gewiss Wesentliches erschliessenden Arbeit zur Gesellschaftsdokumentation widmen wollen, erfüllt mich mit grosser Befriedigung. Denn hier ist Wichtiges und Geschichtsgültiges zu leisten und ich habe ja meinerseits durch meine diesen Gegenstand betreffenden Publikationen hierzu einiges Anregende beizutragen versucht…"


Jener erste Band , dem 2017 Band 2 und 3 folgten, konnte - nach zunächst gescheiterten Anstrengungen, seinen Druck zu finanzieren - durch hilfreich glückliche Umstände dennoch erscheinen. Er wurde bald darauf von dem damaligen Ersten Vorsitzenden der Gesellschaft Manfred Schmidt-Brabant (er war nach Rudolf Steiner der vierte und letzte Vorstands-Vorsitzende, da nach nach seinem Tode diese Funktion erlosch) als “hervorragende Darstellung der Vorgänge nach Albert Steffens Tod” den Mitgliedern zum Studium empfohlen. Schmidt-Brabant entwickelte im Laufe der Zeit eine hohe Meinung von Witzenmann und liess es sich - zum Verdruss vieler Witzenmann-Anhänger - nicht nehmen, mit einem Vortrag über dessen Werk “Goethes universalästhetischer Impuls - Zur Vereinigung der aristotelischen und der platonischen Geistesströmung” die von mir und ihm im Goetheanum vorbereitete Gedenkfeier zu eröffnen, die zum 10-jährigen Todestag Witzenmanns im Sept.1998 stattfand und wozu, neben manch anderen, auch sein bedeutender Schüler Berthold Wulf zwei Vorträge beisteuerte.


Den Lesern und Abonnenten des vorliegenden Rundbriefs des von Herbert Witzenmann begründeten Seminars sei abschliessend ein Ausschnitt aus „Gestalten oder Verwalten" zur Verfügung gestellt. In ihm wird, in einer Übertragung des erläuterten, in den Statuten Rudolf Steiners vorliegenden Rhythmus auf eine fiktive Katastrophenlage Europas während eines drohenden, atomar geführten Krieges, die bewusstseinsevolutiv zukunftsfähige Vermittlung zwischen der in jedem Menschen nach innen wie nach aussen gewendeten Seelenglieder skkizziert. Wobei deren entscheidende Unterschied zum bewusstseinsdumpf durch politische Macht durchgesetzten Friedhofsfrieden festgestellt wird.



Studienhinweise (kostenlos):

 
 
 

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