Zu Idee und Aufgabe einer sozialästhetischen Gemeinschaft
- Reto Andrea Savoldelli

- vor 5 Stunden
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Ein fünfunddreissig Jahre alter Programmtext zu einer Pfingsttagung von «Das Seminar», 1991 in Loheland bei Fulda.
Für die illustrierte Fassung siehe den Solosamo-Substack-Kanal

Im vorangehenden Jahr haben sich die sozialästhetischen Pfingstarbeitstage des “Seminar für Freie Jugendarbeit, Kunst und Sozialorganik” in Dornach (Schweiz ) vornehmlich der Darstellung des Ursprunges der sozialästhetischen Idee innerhalb der deutschen Klassik gewidmet. Schiller fordert den “ästhetischen Staat” und entwickelt in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechtes dessen Eigenart. Goethe schildert daraufhin in seinem Märchen die Umgestaltung des Seelenbereichs durch die Befreiung seiner drei Herrscher “Weisheit, Liebe und Macht” als die Grundbedingung für die Errichtung der sozialästhetischen Gemeinschaft.
Novalis beschreibt in “Christenheit oder Europa” mit grossem Weitblick die Umwandlung des materiell orientierten, politischen Revolutionspotentials zur sozialästhetischen Evolutionskraft:
“Ruhig und unbefangen betrachte der echte Beobachter’ die neuen staatsumwälzenden Zeiten. Kommen ihm die neuen Staatsumwälzer nicht wie Sisyphusse vor? Jetzt scheinen sie die Spitze des Gleichgewichts erreicht zu haben und schon rollt die mächtige Last auf der andern Seite wieder herunter. Sie wird nie oben bleiben, wenn nicht eine Anziehung gegen den Himmel sie auf der Höhe schwebend erhält. Alle’ ihre Stützen sind zu schwach, wenn ihr Staat die Tendenz nach der Erde behält, aber knüpft ihn durch eine höhere Sehnsucht an die Höhen des Himmels, gebt ihm eine Beziehung auf das Weltall, dann habt ihr eine nie ermüdende Feder in ihr.”
Das soziale Leben entpuppt sich in allen seinen Erscheinungsformen als von dem Verhältnis bestimmt, das zwischen der geistigen und der wirtschaftlichen Produktivität herrscht. In den sozialen Wirren und Nöten treibt es die Symptome der Erkrankung an die Oberfläche. Sie zeigen an, dass der Gegensatz zwischen der wirtschaftlichen Notwendigkeit und der sich an sie anschliessenden materialistischen Gier und der befreienden Geistigkeit nicht überbrückt werden konnte. Die sozialästhetische Gemeinschaftsform soll eine solche Brücke bilden. Die einsichtgeschützte Entschlusskraft gemeinschaftswilliger Menschen formt ihre Bausteine, da die der sozialen Gestaltung gewidmete Arbeitskraft nur im individuellen Erkennen sinnvoller Aufgaben und Ziele wurzeln kann. Sie gibt sich dann in den zwischenmenschlichen Abstimmungsvorgängen, in den Absprachen und Vertragsregelungen, welche die gemeinsam ergriffene Aufgabe betreffen, ihren strukturellen Rahmen, ohne den sich kein gemeinschaftliches Leben bilden kann.
Dadurch entstehen inmitten der historisch überkommenen, dem Vergehen oder dem Zerfall bestimmter Kollektivbindungen die keimhaften Bildungs- und Wirkensoasen, die in ihrer Bewusstseinsvernetzung die Ausgangspunkte einer zukünftigen Sozialstruktur bilden. Die sozialästhetische Zukunftsperspektive bedarf jedoch der sozialorganischen Erkenntnis, der Einsicht in die Zusammenhänge der naturgemäss wirksamen Grundkräfte des sozialen Lebens.
Dies sollen die diesjährigen Pfingstarbeitstage umrisshaft erarbeitet werden. Sie wird in der Idee einer sozialästhetischen Oasenbildung gipfeln. Dieses ungewöhnlichste aller Sozialmodelle ist selbstverständlich manchen Missverständnissen ausgesetzt. So mag sich mit ihm die Vorstellung nostalgischer Weltflucht verbinden. Dass aber das Gegenteil zutrifft, erkennt man, sobald man sich der Umgestaltung des Vorstellens und Verhaltens bewusst wird, welche die sozialästhetische Oasenbildung begleitet. Die leibgebundenen Vorstellungs- und Verhaltensformen, welche unsere vom Niedergang bedrohte Zivilisation aufgebaut haben, mehren notwendig die Verödung und Entbehrung des Äusseren und den Überdruss und die Betäubungsbereitschaft im Inneren. Ihre Konsequenzen sind Weltflucht und Selbstflucht, denen solange nicht begegnet werden kann, als die ihnen zugrunde liegende, unheilvolle Fehlorientie-rung in Menschenseelen wirksam bleibt. Jene Fehlorientierung ist in ihrem Kern Geistleugnung. Der Geisterkenntnis entspringt die Umorientierung des gewöhnlichen bedarfsfixierten “(Un)Sozialverhaltens”, die nicht einschneidend und weitreichend genug vorgestellt werden kann.
Eine weitere mit der sozialästhetischen Oasenbildung verbundene Missdeutung be-trifft die Vorstellung einer auf möglichst gesunder Scholle aufgebauter, innerhalb soziologischer Nischen eingerichte-ter, vom wirtschaftlichen Überfluss der Umwelt begünstigter und die innere Vervollkommnung ihrer Mitglieder bezweckenden Gemein-schaftsform. Nichts könnte trügerischer sein. Die Zielsetzung der gemeinten sozialästhetischen Zentren liegt nicht in einem sinnlich-seelischesn Wohlleben, vielmehr sind sie Menschlichkeitsoasen (wie sie Albert Steffen nannte) Bildungsoasen des geistigen Lebens, in denen die Kräfte für den Aufbau einer dem wahren Auftrag der Menschen entsprechenden Zivilisationsform in ihren Angehörigen gebildet und in den sozialen Einrichtungen Gestalt annehmen können. Mit diesen Einrichtungen verbindet sich mit innerer Gesetzmässigkeit (die zu verdeutlichen das Tagungsseminar Gelegenheit bieten wird) eine veränderte Haltung gegenüber der Natur und der sie tragenden Lebenskraft. So kann die sozialästhe-tische Oasenbildung auch im Äusseren die Lebendigkeit mehren und die Verantwortung der Menschen gegenüber der Natur durch pflegende Arbeit bezeugen.
Wir sollten verstehen, dass allein eine wahre Geisterkenntnis die Idee des sozialen Gesamtorganismus ins Bewusstsein zu rufen und die entsprechende Tätigkeitsbereitschaft zu wecken vermag. Die Hingabe an die soziale Aufgabe ist dem künstlerischen Verfahren, das in der Herstellung einer ästhetischen Gleichgewichtsbildung zwischen Stoff und Form, zwischen erlebten Ideenerlebnissen und gestalteten Stoffverwandlungen verwandt. Deshalb konnte Rudolf Steiner sagen:
“Nur in einem freien Geistesleben kann eine solche Liebe zur menschlichen gesellschaftlichen Ordnung entstehen, wie sie etwa der Künstler zu dem Entstehen seiner Werke hat.” (In “Arbeitsfähigkeit, Arbeitswille und dreigliedriger sozialer Organismus”, 1920)
Wir haben im weiteren gesehen, dass der Zweck der sozialästhetischen Oasenbildung in der Vertiefung der geistigen Erkenntnis und in der Mehrung der geistmoralisch orientierten Ausdruckskraft ihrer Mitglieder liegt. Sie selbst jedoch erscheint als Rechtsstruktur, welche innerhalb von Lebens- und Wirkensgemeinschaften fortwährend umzuarbeitende Gestalt gewinnt.
“Man darf aber nicht denken, dass es genüge, wenn man das soziale Hauptgesetz als ein allgemeines moralisches gelten lässt, oder es etwa in die Gesinnung umsetzen wollte, dass ein jeder im Dienste seiner Mitmenschen arbeite .. Nein, in der Wirklichkeit lebt das Gesetz nur so, wie es leben soll, wenn es einer Gesamtheit von Menschen gelingt, solche Einrichtungen zu schaffen, dass niemals Jemand die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich selber in Anspruch nehmen kann, sondern dass diese möglichst ohne Rest der Gesamtheit zugute kommen. Er selbst muss dafür wiederum von der Arbeit seiner Mitmenschen erhalten werden. Worauf es also ankommt, das ist, dass für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen erzielen zwei voneinander ganz getrennte Dinge seien. - Dazu ist aber eine Voraussetzung notwendig. Wenn ein Mensch für einen anderen arbeitet, dann muss er in diesem andern den Grund zu seiner Arbeit finden; und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muss er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden und fühlen. Das kann er nur dann, wenn diese Gesamtheit noch etwas ganz anderes ist als eine mehr oder weniger unbestimmte Summe von einzelnen Menschen. Sie muss von einem wirklichen Geiste erfüllt sein, an dem ein jeder Anteil nimmt. Sie muss so sein, dass ein jeder sich sagt: sie ist richtig, und ich will, dass sie so ist. Die Gesamtheit muss eine geistige Mission haben; und jeder einzelne muss beitragen wollen, dass diese Mission erfüllt werde.” (Rudolf Steiner in “Geisteswissenschaft und soziale Frage“, 1905)
Unterstützt durch den Aufsatz Herbert Witzenmanns “Die Erneuerung des Bildungswesens als Zivilisatisonsprinzip”, den wir der Seminararbeit zugrunde legen, werden wir uns in den bevorstehenden Pfingsttagen bemühen können, die von Rudolf Steiner dargestellte und von ihm in hohem Masse gelebte Humanisierung der menschlichen Sozietät und der zu bildenden, das soziale Leben von Grund aus befruchtenden geistigen Bildungszentren ins Bewusstsein zu heben. Von dieser Erkenntnis aus werden wir auch den Blick für die übersehenen Nöte wie die brach liegenden Möglichkeiten, die in und ums uns liegen, schärfen können.
kostenloser Download des erwähnten Studientextes
204 Witzenmann, Die Erneuerung Des Bildungswesens Kopie
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