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Brandnacht 31.Dezember 1922


Wenn man auf die Entwicklung der Goetheanum Architektur (I und II) blickt, so lässt sie sich als architektonisches Ganzes nur verstehen, wenn man auf das Geschehen der Brandnacht vom 31.Dezember 1922 schaut, und den Verlust des ersten Goetheanum im Zusammenhang mit dem Wirken Rudolf Steiners in der Gesellschaft bedenkt. Der Titel „erstes“ und „zweites“ Goetheanum stammen von Rudolf Steiner selbst. Dass er die Baubezeichnung nummeriert hat, zeigt, dass der Architekturgedanke, sofern er als ein lebendiger gedacht wird, ebenso eine Entwicklung durchgemacht hat, wie es die Biografie eines Menschen tut. Uns obliegt es, die darin wirksame Metamorphose zu entdecken. Obwohl Rudolf Steiner in einzelnen Vorträgen Hinweise auf die in Frage stehende Gestaltungsverwandlung gegeben hat, blieb das grundlegende Verständnis dabei jedoch unausgesprochen. Meines Erachtens wird sich der Gestaltwandel, respektive der Gedanke, welcher in der Architektur des zweiten Goetheanum zum Ausdruck kommt, aus der Brandnacht ableiten lassen. In folgenden Kapiteln soll die heute sichtbare Architektur beschrieben und erklärt werden. 1) - Dabei wird der Begriff der Umstülpung einer der am meistverwendeten sein, wobei die Frage zu klären ist, was denn bei dem zweiten Goetheanum-Bau zur Umstülpung kam. Dazu sollen zunächst die notwendigen Verständnisgrundlagen geschaffen werden.

Eines der wesentlichen "offenbaren Geheimnisse" ist es, dass Rudolf Steiner nach der Brandnacht ganz anders als zuvor zu den Mitgliedern sprach, und dass auch seine Texte eine andere Gliederung, einen anderen Stil angenommen haben, was sich in den Leitsätzen, den Aufsätzen und seinen Briefen an die Mitglieder usw... niederschlug. Die Frage nach dem Warum einer so gewaltigen Änderung der Ausdrucksweise Rudolf Steiners führt uns zu dem Geschehen, welches diese Frage zu beantworten vermag. Ein konkretes Nachvollziehen der Brandnacht 2) wird uns die neuartigen Handlungen und Ausdrucksformen von Rudolf Steiner erklären können. Rudolf Steiner hat uns gelehrt, inwiefern alle Taten und Handlungen seelisch-geistige „Motive“ enthalten. Wenn es uns also gelingt, in diesen seine Motive zu blicken, werden wir auch verstehen, wodurch seine Handlungen motiviert waren. Daraus wird uns klar werden, warum der zweite Bau eine so vollständig andere Gestaltung aufweist. Da in der anthroposophischen Architektur die Formen keine äusseren Dekorationen, sondern Ausdruck einer geistigen Realität sein wollen, gilt es, sich in sie hineinzuversetzen, um den dargestellten Inhalt lesen zu können.


Dazu muss erwähnt werden, dass über das persönliche Erleben Rudolf Steiners in jener Brandnacht von ihm nur wenige Worte übermittelt sind. Mehr ist aus den inzwischen veröffentlichten Erinnerungen seiner Zeitgenossen zu entnehmen, wie zum Beispiel, dass sich das Antlitz Rudolf Steiners nach der Brandnacht ganz verändert habe (Heinz Müller). Oder dass berichtet wird, dass er nach dem Brand zum Gehen einen Stock benötigte (Turgenieff-Bozzo). Dies weist uns darauf hin, dass in Rudolf Steiner ein Erlebnis ganz besonderer Art stattgefunden haben muss. Ich habe den Eindruck, dass neben seinem ganzen Miterleben und Mitleiden mit der Zerstörung des Baues Rudolf Steiner eine höhere Einweihung durchschritten hat, aber diese Tatsache weder ansprechen konnte noch wollte. Da es eine zutiefst "persönliche Tatsache" war, wurde sie von ihm nicht kommuniziert, um sie damit vor widersacherischer Verzerrung zu schützen.



Was war Rudolf Steiners tiefer Schmerz?


Rudolf Steiner wurde in der Brandnacht im Miterleben der Katastrophe mit einem tiefen Schmerz belegt (die Sorge um sein ganzes Tun). Er wollte der Menschheit Gutes tun und der Dank war der Brand des Baues. Dieser sollte ihn und durch ihn seine anthroposophischen Freunde treffen (Vom Landesgroßmeister der deutschen Freimaurerei in Berlin wurde im Oktober 1922 an die Provinzialgroßmeister die "Parole" gegen Rudolf Steiner ausgegeben, und er damit als "vogelfrei" erklärt 3) ). - Um den Schmerz Rudolf Steiners nachzuvollziehen, müssen wir sein Wirken ins Auge fassen. Seine Aufgabe war, anderen Menschen dabei zu helfen, selbständig zum Erkennen der geistwirklichen Welt zu gelangen. Um diese Selbstständigkeit auszubilden, waren umfangreiche Grundlagen zu schaffen, damit sich das Bewusstsein ins leibfrei Geistige erheben kann. Wir denken dabei meist an die geisteswissenschaftlichen Texte und an die Nachschriften seiner vielen Vorträge. Doch wurde auf der anderen Seite durch die Kunst eine besondere Möglichkeit geschaffen, das Reingeistige mit dem Stoff zu verbinden und so Formen zu schaffen, an welchen wir uns vermittels der Sinne zur Geistesschau erheben können. Denn in der Kunst wird das Geistige im Sinnenreich anschaubar, und die geistigen Inhalte können sinnlich gestützte Erfahrungen werden. Darin lag der Grund, warum bereits erfahrene und gut ausgebildete Künstler bei Rudolf Steiner um Rat nachgesucht hatten. Sie verstanden, dass er derjenige Lehrer war, welcher aufzeigen konnte, wie zu arbeiten war, damit der Geist (ein übersinnlicher Inhalt) im Stoff, also im Sinnenreich, wirksam werden konnte. Dazu musste der Künstler eine praktische Anleitung haben. Im künstlerischen Zusammenarbeiten mit Edith Maryon ist dies an den dabei entstandenen Kunstwerken direkt abzulesen und nachzuvollziehen. Der künstlerische Schaffensweg zeigt, dass es möglich war, über das Naturschaffen hinaus zu gehen und geistig Wesenhaftes direkt zur Darstellung zu bringen, wie dies an der Gruppe abzulesen ist. Aber auch bei den Eurythmiefiguren gelang in dieser Hinsicht ein grosser Schritt, welcher die Lautwesenheiten bis in der Sinnlichkeit zur Offenbarung bringen konnten. Es ist ein Glück für uns, dass diese grossen Kunstwerke erhalten geblieben sind und für uns heute gute Lehrstücke sein können. Denn Kunst auf einem neuartig hohen Niveau ist möglich und nicht eine blosse Theorie.


So war das erste Goetheanum ein Lehrpfad für die Sinne, der in einer Nacht zerstört, entmaterialisiert wurde. Es war für Rudolf Steiner wie auch für Edith Maryon sowie aller anthroposophischen Freunden sehr bitter, dass das Feuer in jener Nacht nicht aufzuhalten war. Rudolf Steiner und Edith Maryon wussten, dass dieser erste Goetheanum-Bau ein Lehrpfad und ein erster öffentlicher Einweihungsweg war, der bis in die Sinnesreiche aufweckend wirkte konnte.


Man kann die wahre neue Kunst auch einen „Transformator“ nennen. Diese Erscheinungsform (der "Baustil") ist ein absolut neuartiges Ereignis in der menschlichen Kunstgeschichte, indem der "Transformator" den Schüler auf dem Einweihungsweg zur Ichfindung und zur Ver-Ichung seiner Selbst und darüber hinaus zu führen vermag. Er lernt, sein höheres ICH selbst in Erfahrung zu bringen. Diese Erfahrung wird für den Betrachter zu dem Schlüssel, der ihn die reale geistige Welt betreten lässt. Die Wände und Säulen des Baues waren wie Schleier, durch die hindurch geistige Wirkungen durch die plastischen Formungen wie ein Ich-Wind auf die Sinne wirken konnten. Die gesammelten Wirkungen führten von den unteren Sinnen zu den oberen Sinnen, zum Begriffssinn, zum Gedankensinn und im Ich-Sinn schlussendlich zum Erwecken der höheren Geist-Sinne, der Imagination, der Inspiration und der Intuition (in der Umkehr der Sinne). - Dieser Einweihungsweg war gemäss einer Stufenfolge von Erlebnissen an der organischen Bauarchitektur gebildet. Denn es war das Geniale an diesem Bau, dass er auf die Organe des Menschen wirkte und durch sich selbst geschützt war, denn nur derjenige konnte wirklich sehen, was damit gewollt war, der das Schlüssel-Erlebnis in sich generieren konnte. Der Bau war damit ein offenbares Geheimnis. Rudolf Steiners reale Hilfe dabei war, einen sinnlich-übersinnlichen Einweihungsweg zu schaffen, woran die Geist-Gymnastik zu üben und auszubilden möglich wurde. Also den Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten und sie in ihrem Wesen in die geistige Welt zu erheben.

Der Bau wirkte durch das Geistige, das beim Herstellen in ihn hereingearbeitet worden war und wurde dadurch zur anthroposophischen Einweihungsstätte. Doch er brannte nieder. Es wurde hell, mitten in der Nacht. Flammen und Feuerfunken stieben gegen den Himmel. Wärme wirkte. Säule für Säule brannten dabei wie mächtige Fackeln ab.


Dass dieser Lehrpfad einer sinnlich offenbaren Einweihungstätte in architektonischen und plastischen Formen für die Mitmenschen nicht mehr sinnlich existierte, wurde in der Brandnacht für Rudolf Steiner zu einer harten Prüfung, über die er wie gesagt nur andeutungsweise gesprochen hat.


Nach der Brandnacht erscheinen Rudolf Steiners Handlungen wie „brandgefärbt“, herausgebildet nach einer neuen konsequenten Struktur. Ein neues klares Prinzip herrscht vor; vom Geist ausgehend, durch die Seele am Leib umgesetzt. Dreigegliedert. Durch diese drei Elemente wirkt für uns ein kompletter neuer ICH-Wille, welcher in der Brandnacht von seinem freigewordenen Lebensgeist-Ich-Glied schmerzhaft geboren wurde. Freiheitswille und Menschenliebe wird seinen Mitmenschen nun bedingungslos dreigegliedert vorgelebt, so dass diese "sehend", sich an seinen Handlungen (organisch) orientierend, in das Geistige erheben können. Was zuvor noch Architekturlehrpfad war, wurde in jener Nacht in den „Anblick“, in die Betrachtung eines Menschen, nämlich Rudolf Steiners selbst transformiert. Er wurde zu unserem Lehrpfad selbst und dies bis in den physischen Leib hinein. Damit dies möglich wurde, muss man sich vorstellen, dass sich Rudolf Steiner in der Brandnacht aus dem Lebenskräfteleib begonnen hat heraus zu lösen, also beinahe gestorben wäre, und dass er sich durch ein Liebesgeschenk der trinitarischen Welt in Form eines neuen Lebens-Geistes-Leibes sich im Physischen halten konnte, um seine Mission fortzusetzen.


Der Mitmenschen wegen wurde dadurch das Prinzip praktisch, dass nämlich ein Mensch für seine Mitmenschen zu einem Einweihungspfad zu werden hat. Das neue soziale Kulturprinzip im Aufwachen am anderen Menschen wurde in seiner höchsten Form aktiv inkarniert.


Aus dieser Ich-Erhebung wird ein verwandelter Bauimpuls ausgehen müssen, welcher stufenweise bei der Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bekannt gegeben worden ist. Denn alles, was nach dem Brand geschah, war durch das Brandmotiv oder Rudolf Steiners Einweihung in die trinitarische Gottheit bestimmt. In den folgenden Kapiteln dieser Bertachtung sollen die exakten Inhalte, die als Baumotive für den zweiten Bau entstanden sind, dargestellt werden. Der erste Goetheanumbau ist nun im „Herzen“, das heiss im Seelischen des andern Menschen, dadurch wird ein neuer Einweihungslehrpfad gebildet, das "Erwachen für das Seelisch-Geistige des anderen Menschen". Er wird zum Lehrpfad des zweiten Goetheanum werden und eine Erhhebung oder "Denkmal" des ersten Baues sein. Deshalb konnten unmöglich dieselben Formen erscheinen, denn der ganze Inhalt hatte sich für den Lehrpfad gestalterisch verschoben, wie wir im Folgenden noch sehen werden. Dieser Gestaltwandel soll exakt im weiteren erklärt und von jedem, der dies mitvollziehen kann, verstanden werden können. Dadurch hatte sich Rudolf Steiner eine mächtige Arbeit auferlegt, um die Gesellschaft der Anthroposophen innerlich auf ein höheres Niveau zu heben. Dies kam dann ein Jahr nach dem Brand in der Weihnachtstagung zur Neubegründung der anthroposophischen Gesellschaft zum Ausdruck.


Fazit:

Rudolf Steiners soziale Impulse wurden zum Gebäude, zur Architektur eines vergrösserten Leibes. Dieser erweiterte Leib bedeutet das schöpferische Gesamtkunstwerk des Ich-Gedankens. Das geistdurchwobene erste Goetheanum wird angezündet, vergeistigt sich in der Feuersbrunst. Rudolf Steiner und seine lieben Freunde verlieren dadurch diese Leibeserweiterung. Der Verlust wurde zum Schmerz, zum Geistesschmerz. Rudolf Steiner wendet sich an die höchsten Geistesmächte, welche ihm eine neue Geisteshülle schenkten. Einen neuen Geistesleib, der es ihm ermöglicht, die Brandtat auszugleichen. Er spricht nicht darüber, aber er handelt durch diesen neuen Geistleib und deshalb können wir es wissen. Das dreigegliederte Handeln und Darstellen in allen möglichen Ausdrucksformen war ein Ruf (aus dem Gliedmassenmenschen) an die trinitarische Weltenordnung. Warum war dieser Schmerzenshilferuf notwendig?

Schmerz wurde durch Liebe und Freiheit verwandelt und erschuf den Ausgleich zur Brandtat! Durch Liebe und Freiheit wurde das Öffnen der trinitarischen Mächte eingeleitet.

Die Geburt eines neuen Einweihungsprinzip bei voller Öffentlichkeit; das Aufwachen am anderen Menschen, durch den Blick in die Menschlichkeit des Gegenübers.


Vielleicht ist auch dies noch zu erwähnen, allerdings ist es ein Thema für sich: Rudolf Steiner spricht am 27.Mai 1923 in der Michaelschule über das vereinigte Wirken der luziferischen und der ahrimanischen Mächte. Was er an jener Stelle nicht erwähnte, ist die Tatsache, dass das Zusammenwirken dieser beiden Geister es möglich macht, dass ein höheres Geistwesen damit zur Wirksamkeit gelangt. Die Kräfte der Asuras dringen bis ins Physische und entfalten dort ihre Wirkungen. - Dies auszugleichen erfordert ein spezielles Opfer. In der erkennend-handelnden Anbetung der trinitarischen Welt liegt der Ausgleich. Ihre Kräfte können von keinem Widersacherischen zerstört werden. Für Rudolf Steiner wurde die trinitarische Welt die Inspirationsquelle, woraus alle Handlungen fliessen, wobei er diesen ins Leben gerufene Ausgleich mit seinem eigenen Leben bezahlen musste. (Siehe die dritte Versuchung des Christus in der Wüste und das zum Todeszeitpunkt in der "Goetheanum-Wochenschrift" veröffentlichte Drama "Hieram und Salomo" von Albert Steffen, worin nach der Zerstörung des Gusses des ehernen Meeres das Werk nur gerettet werden kann, indem sich Hieram in den Guss wirft und getötet wird.)



Rudolf Steiner zum Impuls der Weihnachtstagung:

«Es sollte das Bewusstsein wirklich ein durchgreifendes sein, dass mit dieser Weihnachtstagung im Grunde eine völlige Neugründung der Anthroposophischen Gesellschaft stattgefunden hat. Und es sollte durchaus so sein, dass nicht in die alten Gewohnheiten, auch nicht in die alten Denkgewohnheiten zurückgefallen werde gegenüber den starken Veränderungen, die in der neuerlichen Handhabung des anthroposophischen Weisheitsgutes eingetreten sind.» S. 253 in GA 236

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1) Dieser Text ist Teil einer Darstellung der Architektur der beiden Goetheanumbauten.


2) Siehe hierzu auch die im November 2022 erstmals vom Verlag für Angewandte Anthroposophie, Basel, mit Fotos und Expertenberichten veröffentlichten behördlichen Brandakte des Jahres 1923, welche jahrzehntelang verschollen waren.


3) Näheres in "Der Europäer", Perseus-Verlag, Dez./Jan.2023-Nummer




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