Zur Frage nach der Folgerichtigkeit des Denkens


1.


Die Frage, wie die Gedanken zu uns als Erkennende gestellt sind, oder umgekehrt, wie sich

der erkennende Mensch zu den Gedanken verhält bzw. zu verhalten habe, beschäftigt das

Denken seit der Begründung der Philosophie im alten Griechenland. Wie ist es einzuordnen,

wenn Aussagen über das Wirkliche gemacht werden, die, indem sie voneinander abweichen,

dennoch im allgemeinen Instrumentarium der Begriffe gründen? Jeder, der erkennt, ist in seiner

Art bestrebt, das „Richtige“ zu treffen und kann auch die Denkwege anderer verstehen. Die Aus-

gangspunkte mögen unterschiedlich sein, während der Begriffsvortrag auf den gleichen Strukturen

beruht, wonach sich verdeutlicht, ob ein Vortrag der Strukturgesetzlichkeiten inne ist oder den

logischen Anforderungen nicht genügt. Der große Aristoteles stellte als Erster fest, dass Aus-

sagen einen zureichenden Grund aufweisen müssen, dass sie widerspruchsfrei sein sollen und

dass gegensätzliche Urteile nicht zugleich Geltung beanspruchen können. Diese Denkdisziplin

wäre ein Wesensmerkmal des wissenschaftlichen Vorgehens, die ihren Anstoß aus der inneren

Entfaltung eines geordneten Denkens empfängt. Hinzu tritt seine Lehre über die Erscheinungs-

arten des Schlussfolgerns, welches in der Tat ein denkerisches Hauptgeschäft ausmacht. Alles

das und noch vieles mehr, was jetzt nicht herangezogen wird (um den Überblick zu behalten),

musste erst ent-deckt werden, gleichwohl jene Strukturelemente auch „blind“ in Anwendung

kamen. Durch den Zuwachs an kritischer Bewusstheit können wir heute prüfen, ob die Angaben

des Aristoteles wirklich so maßgeblich sind, oder ob es nicht eher darauf ankommt, ein intuitives

Blickvermögen zu entwickeln, welches zu den logischen Grundregeln hinzukommt. Die Folge-

richtigkeit des Denkens erschließt sich dann nicht nur aus gegebenen Bestandsweisen, sondern

aus der Entstehungsweise eines neuen, selbsttätig gebildeten intuitiven Organs. – Im Folgenden

handelt es sich um die Skizze eines Versuchs, wie man an diese Thematik herantreten kann.




2.


Sobald wir d e n k e n, bilden wir Z u s a m m e n h ä n g e , die sich zu Wissen verdichten.

Etwas zu wissen besagt, einer Fülle von Bedeutungen inne zu sein, die wir unter Gebrauch

von immanenten Regeln v e r s t e h e n . Ohne deren Beachtung ist einem „Zusammenhang“

die orientierte Zweckbindung verwehrt. Er stützt sich auf Regeln ab, welche die Form angeben,

w i e er in Anwendung komme. So sind wir z.B. gehalten, ihn auf „Objekte“ zu beziehen. Dies

geschieht zunächst ganz unbewusst. Die Beschaffenheit der zur Sprache kommenden Erkenntnis-

mittel ist uns vorgegeben. Wir treten darin ein. Die Tatsache, als Subjekt in einer objekthaften

Welt zu s e i n , lässt nach den Regeln für dieses Verhältnis fragen, wie und warum dies so ist.

Das Allgemein-Menschliche zeigt sich an der Zustandsform der Einbettung von Seele und Leib.


Die Art, gemäß der wir uns als Subjekt in der Welt umschauen und zu Erkenntnissen gelangen,

hängt ferner von der gesetzartigen Beziehungsgestalt ab, wie sie an den Denkinhalten erbildet

wird. Diese Gesetze liegen durchaus nicht auf der Hand, so dass man ihrer sogleich inne wäre.

Es sind, denkt man darüber nach, gesetzte, zugleich aber auch Gebote, die im Erkenntnisleben

nahezu automatisch beachtet werden. So leuchtet es z.B. unmittelbar ein, dass jeder Wirkung

Ursachen vorausgehen, dass es Früheres, ein Künftiges und die Gegenwart gibt, dass das Ganze

größer als die Teile ist, und überhaupt, dass wir das Sinnlich-Äußere vom Seelisch-Inneren zu

unterscheiden haben. Dafür sind Begriffe maßgeblich, die vorerst noch offen lassen, wie diese

Verhältnisbestimmungen im einzelnen – „inhaltlich“ – zu verstehen sind. Unser gesamtes welt-

liches Verhalten beruht auf der Um- und Einsetzung von Begriffen, die in Vorstellungen einge-

kleidet werden, wonach die Welt „lesbar“ wird. Ob wir richtig lesen bleibt offen; die Begriffe,

die wir in Anwendung bringen, sind jedenfalls so geartet, dass uns vonseiten der Wahrnehmung

ihre Geltung bestätigt werden kann, wie wir damit „richtig“ liegen.




3.


Wie ist jene Folge-Richtigkeit im Denken zu bewerten? Sollte es sie nur im Zusammenhang

mit logischen Evidenzen geben, so gerät man in Widerspruch zum Leben. Trifft man nämlich,

wie das gewöhnlich der Fall ist, Aussagen über ein bestimmtes Sachgebiet, so erzeugt man

damit Urteile, die den Seinsstatus und nicht unmittelbar den logischen Status von Dingen und

Ereignissen betreffen. Die Ermittlung des Wesenswas (Quidditas) steht im Vordergrund, wobei

jede erklärende Auskunft den logischen Erfordernissen, was etwa den „zureichenden Grund“

angeht, genügen soll. Selbstverständlich ist auch das Wesensprofil der Logik zu ermitteln, was

jedoch ein spezielles Kapitel der Forschung betrifft. – Um ein Beispiel zu nennen: Will ich das

Spezifische des Organischen erkunden, so muss ich mich nach den Tatsachen und nicht nach

dem logischen Regelwerk richten. Ich setze an einem Punkt an, der mir geeignet erscheint, das

Wesen des Organischen zentral zu berühren, um im weiteren – folgerichtig vervollständigend –

meine Auffassung darzulegen. Nun folgt zwar mein Denken dem Leitbild des Organischen, –

ob mir das aber „richtig“ gelingt: daran kann ich Zweifel haben. Es hängt zudem von meinem

persönlichen Blickvermögen ab, ob ich das Richtige treffe. Der auftretende Zweifel ist quasi

der Gegenspieler der Folgerichtigkeit, denn er stellt sie in Frage. Die systemische Ausrichtung

des Denkens ist unterbrochen, wenn ich für den Moment nicht weiter weiß. Sofern ich es nicht

apodiktisch (behauptend) oder unlogisch (vorurteilsbehaftet) überspielen will, sehe ich mich

vor die Situation gestellt, dass die Gedankenwelt von sich aus schweigt. Hebe ich dann wieder

willig zu denken an, so mag es sein, dass das Vertrauen in die selbsttragende Folgerichtigkeit

der auf das Organische gerichteten Begriffe geschwächt ist. Vielleicht wird der Ausweg lauten:

die Folgerichtigkeit sei ausschließlich in den Anschauungsbeispielen des logischen Schließens

gegeben, während alles andere den empirischen Kriterien von „Versuch und Irrtum“ unterliege.


In bestechender Klarheit kennzeichnet Aristoteles (in seiner Schrift „Von der Seele“) die Hürden,

vor die sich der Erkenntnisprozess gestellt sieht: „Es könnte wohl so scheinen, als gäbe es ein

einheitliches Verfahren bei allen Gegenständen, deren Wesen wir kennen wollen, ebenso wie es

ein einheitliches Beweisverfahren für die besonderen Eigenschaften gäbe; man hätte also dieses

Verfahren zu suchen. Wenn es aber kein einheitliches und gemeinsames Verfahren gibt hinsicht-

lich des Was-seins, dann wird die Untersuchung noch schwieriger. Denn dann wird man bei jedem

einzelnen feststellen müssen, welches der richtige Weg ist. Wenn es aber klar geworden ist, ob es

sich um eine Beweisführung handelt oder um eine Einteilung oder um irgendein anderes Verfahren,

so bleiben immer noch viele Schwierigkeiten und Unsicherheiten, von welchem Ausgangspunkt

her man suchen muss.“ (So heißt es am Anfang des „Ersten Buches“).


Das Erkennen durch Begriffe ist also von der Logik, bei der das Denken in Begriffen untersucht

wird, wohlweislich zu unterscheiden. Nimmt man freilich an, dass in den logischen Verfahrens-

techniken ein Spiegelbild der Wirklichkeit vorliegt, so hätte sich dann alles diesem Vorgehen zu

unterwerfen. Es läuft auf eine kausalgenetische Beschreibung der Wirklichkeitsvorgänge hinaus,

die das besondere Wesens-was nicht wirklich würdigt. Da sich die Logik selbst beweist, würde

sie gleichsam unter Beweis stellen, gemäß welcher Gesetzlichkeit alles Seiende „funktioniert“.

Indem sie unter unserer Schädeldecke nicht zufällig, sondern mit Notwendigkeit in Erscheinung

tritt und selbst auch von gesetzmäßiger Natur ist, könne sie, was ihr mechanistisches Grundgerüst

anbelangt, nicht bloß dem Subjektiven vorbehalten sein. In diesem spiegle sich vielmehr die Welt-

struktur. Denkt man also logisch, so denkt das Sein in uns. Die hervortretenden Gedanken reprä-

sentieren den Arbeitsmodus der Wirklichkeit in einer kulturell-sprachlichen Färbung. Im Extrem

heißt es dann, das Erkennen sei dem physischen Überlebenstrieb des Individuums unterzuordnen.

Die ganzheitliche Bewertung des stets akausalen Verfahrens setzt aus, das ikonische Wesenswas

wird als die Kulisse zufallsartiger Auswüchse in Rechnung gestellt. Die vermeinte Klarheit des

logischen Apparats wird auf die Sicht der Dinge verwandt, in denen sich der Kenntnisgewinn einer

Milliarden Jahre währenden Entwicklung sammle. Ist diese Klarheit aber ein zuverlässiges Indiz?



4.


Ein gewissermaßen pures logisches Grundbild tritt uns in Gestalt des sogenannten Syllogismus

gegenüber. Es betrifft den Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere. Zwei Aussagen (Sätze)

stehen für die Prämissen, wonach sich mit logischer Notwendigkeit die Konklusion, der Beweis

in Form einer dritten Aussage ergibt. Dieses Verfahren vermag, soviel schon vorweg, allerdings

nur zu überzeugen, wenn die Ausgangsthese, also die erste Prämisse, absolut wahr ist.

Bei dem klassischen Beispiel, das des öfteren herangezogen wird, ist dies der Fall:


Alle Menschen sind sterblich

Sokrates ist ein Mensch

Also ist Sokrates sterblich.


Bei diesem Beispiel stimmen alle drei Positionen, es ist unwiderlegbar korrekt. Der Erkenntnis-

wert ist allerdings gleich Null: Indem Sokrates ein Mensch ist, ist er eben sterblich, wie man weiß.

Er ist nicht sterblich, weil alle Menschen sterblich sind! – Das Stupide eines solchen (logischen)

Denkbildes tritt noch deutlicher hervor, wenn man als Ausgangssatz eine triviale Wahrheit wählt,

zum Beispiel: „Alle Flüssigkeiten sind nass“. Das stimmt wohl, nur ist es ein sogen. Pleonasmus,

eine nutzlose Verdopplung. Kant würde sagen, ein analytisches Urteil, wonach das Prädikat im

Subjekt schon enthalten ist. Doch soll mit solchen Sprachspielen bloß gezeigt werden, dass das

Denken im allgemeinen schlussfolgernd verläuft. – Sehen wir uns ein weiteres Beispiel an:


Menschen leben weit verstreut auf der Erde

Eskimos sind Menschen

Also leben Eskimos weit verstreut auf der Erde.


Oder im Singular:

Menschen leben weit verstreut auf der Erde

Herr Karl zählt zu den Menschen

Herr Karl lebt weit verstreut auf der Erde.


Logisch geht das ganz in Ordnung. Mit der Konklusion hapert es leider ein wenig. Aber wie

gesagt: die Folgerichtigkeit, die sich aus den Prämissen ergibt, kann nicht in Abrede gestellt

werden. („Mit Worten ein System bereiten...“) – Wie sieht das im nächsten Beispiel aus?

Die Evolution bringt die Tierarten hervor

Löwen und Esel sind Tierarten

Also bringt die Evolution Löwen und Esel hervor.


Ist das so? Gut, die zweite Prämisse ist richtig. Auch die Logik passt. Freilich ist die Schluss-

folgerung nur zulässig, wenn die erste Prämisse in der Tat zutrifft. – Man kann nun auch vom

Besonderen zum Allgemeinen aufsteigen, wie das folgende Beispiel zeigt, wo jetzt die zweite

Prämisse und die Konklusion problematisch werden:


Rudolf Steiner ist ein Eingeweihter

Alle Eingeweihten sind unfehlbar

Also ist Rudolf Steiner unfehlbar.


Die erste Prämisse hat für diejenigen Bestand, die es glauben. Als nächstes muss man glauben,

dass im Subjekt das Prädikat notwendig enthalten sei. Die Logik wird herangezogen, um etwas

zu bekräftigen, das von anderer Seite her sowohl abgeleitet wie auch entschieden werden muss.



5.


Das logisch evidente Schließen nimmt oft den Weg über ein Beschließen. – Betrachten wir noch

einmal das obige Evolutionsbeispiel. Die Konklusion, dass die Evolution Löwen und Esel hervor-

bringe, kommt einschlussweise in der Ausgangsprämisse bereits vor. Jene kann daher nicht be-

weisen, was behauptet wird, da sie in der ersten These den Beweis gleichsam vorweg nimmt.

Ein solcher Zirkelschluss ist unzulässig, insofern dabei kein zureichender Grund ersichtlich wird.

Den „zureichenden Grund“ kann allerdings die logische Ableitung nicht liefern. Wenn das so ist,

dann baut sich vor uns ein nicht geringes Problem auf, nämlich 1.: woraus geht ein Grund hervor,

und 2.: wie ist es dabei um die Folgerichtigkeit bestellt?


Verfolgt man die Diskurse, die sich um die Wahrheitsfindung drehen, so wird man oftmals fest-

stellen, dass dabei eine sog. petitio principii im Spiel ist. Behauptungen werden durch Aussagen

begründet, die das unter Beweis zu stellende Sinnhafte oder Gültige schon als wahr voraussetzen.

Aber geht´s überhaupt anders? Wenn ich meine Voten nicht eben für wahr halte, wofür halte ich sie

dann? Nun kann man freilich das Ideal aufstellen wollen, voraussetzungslos zu agieren. Was heißt

das? Heißt das, dass ich mich aneinander hervortretenden Ergebnissen zu enthalten habe, die aber

in mir und durch mich als gültige anzuerkennen sind? Ist es nicht normal, dass ich dasjenige, was

mir gilt, als wahr anerkenne? Wie könnte ich etwas beweisen, wenn ich hierzu nichts als „wahr“

anführen dürfte? Die Frage ist doch wohl, wie ich es begründe. – Ein Ausweg aus dem Dilemma

könnte sich nur zeigen, wenn es noch eine andere Erkenntnisquelle als diejenige gibt, die auf der

Basis des erlangten Wissens das Erkennen fortspinnt. An diesem Gesichtspunkt sei festgehalten,

wenn wir uns als nächstes einigen naturwissenschaftlichen Befunden zuwenden.




6.


Wenn wir für die bisherige Wegstrecke eine gewisse Folgerichtigkeit in Anspruch nehmen dürfen,

dann läuft unsere Betrachtung auf die Frage hinaus, ob der Grund der Dinge diskursiv erschlossen

oder intuitiv erfahren wird. Das Erschließen bewegt sich in Form angezeigter Hypothesen voran,

die, wie es heute üblich ist oder gefordert wird, vonseiten naturgesetzlicher Befunde zu bestätigen

sind. Nimmt man hingegen an, dass die Intuition auf das Erfahren einer ideellen Geistwirklichkeit

zurückgeht, so bleibt zu zeigen, wodurch sich dies bestätigt, sofern sie die Bestätigung nicht schon

mit sich führt. Man betätigt sich dabei im Evidenten, wie es der Vollzugsbefund veranschaulicht.


Der Vollzugsbefund hat wenig zu sagen, wenn die Auffassung vorherrscht, es gäbe ausschließlich

chemisch-physikalische Kräfte. In ihnen läge das verursachende Potenzial, welches sich, durch die

Evolution vermehrt, als Wirklichkeit zeigt. Jene seien weder zweck- noch zielgerichtet, seien bloß

ein zufallsartiges Spiel von Kräftewirksamkeiten. – Nun hat man vor Zeiten mit Hilfe technischer

Mittel entdeckt, das gewisse Bakterien einen Antriebsmotor besitzen, der ihre Bewegung steuert

und wundersame Eigenschaften aufweist. Die Bakterienzelle kann als eine Art Batterie angesehen

werden, die die „Schiffsschraube“ des Tierchens antreibt. Damit dieser Motor funktioniert, müssen

fünf Grundelemente zusammenwirken, die aus Proteinen und Aminosäuren bestehen, also einem

Nanobereich angehören, wobei man dennoch Bezeichnungen wie Rotationsachse, Lager, Winkel-

stückverbindungen u.a.m. gebraucht, so wie das bei den entsprechenden menschlichen Produkten

zum Einsatz kommt. Nähere Einzelheiten möge man der leicht erreichbaren Literatur entnehmen.


Wie entsteht so ein Ding? – Der Folgerichtigkeitszwang des Materialismus erlaubt nicht die An-

nahme einer Finalität, was darauf hinausliefe, dass sich eins zum andern aufgrund eines Bauplans

fügt. Das monokausale Wirken wäre dann nämlich von der Finalität her akausal determiniert, was

der eingangs erwähnten Grundthese ins Gesicht schlägt. Die Logik der szientistischen Forschung

ist daher bemüht, Nachweise zu liefern, die das Unerklärliche des Entstehens einer Motorfunktion

aus einzelnen kleinen Schritten „erklären“. Dies wirft freilich eine Reihe unerlässlicher Fragen auf.

Die Funktion eines Motors, eines komplexen Antriebssystems, ist nur möglich, wenn die einzelnen

Bestandteile, die ihn in ihrer Gesamtheit eben ausmachen, zugleich am Werk sind. Es ist höchst

unwahrscheinlich, dass die Kraftzentren von Proteinen dergestalt mutieren, dass auf einen Schlag

ein Motor herauskommt, noch dazu, wo es sich um ungerichtete Prozesse handeln soll. Nimmt

man sinnvoller Weise an, es läge dem Wirken ein Bauplan zugrunde, so muss man entweder den

strengen Gedanken evolutiver Ungerichtetheit fallen lassen, oder dem Chaos der Teilchen einen

magischen Eingriff zuordnen, der die Funktionsbedingungen eines Motors erfüllt, also herstellt.


„Ungerichtetheit“ und „Ausgerichtetheit“ widersprechen sich, was in diesem Fall einer Kontra-

diktion gleichkommt. Man kann das Problem wider alle Vernunft negieren, wenn man im Motor

keinen sinnhaften Zweck- und Begriffszusammenhang, sondern bloß ein zufälliges Aggregat von

Kausalsträngen erblickt. Das heißt dann aber auch, dass das Erkennen entwertet wird, also nicht

mehr Zusammenhang-bildend e r k e n n t, vielmehr Zusammenhang-entbildend verfährt. Wird

doch der Zusammenhang der Teile des Motors auf die zufällig passenden Funktionseigenschaften

einzelner Teile reduziert. Man kann daran ersehen, wie das Folgerichtige nicht sachlich-logisch,

sondern ideologisch-sachlich auf den Plan tritt, da das Zusammenhängliche in den Stoff verlegt

wird, wo es als Naturgesetz, als zufälliger und notwendiger Kausalnexus, vorkommt. Die Gesetze

sind aber der Zusammenhang im Ganzen, das durch ihn im Denken bestätigt und betätigt wird.


Die Entstehung von etwas Neuem ist völlig rätselhaft. Wie kommt es zum Beispiel zur Heraus-

bildung eines Federkleids, dem ein ganz anderes Konstruktionsprinzip zugrunde liegt, als es bei

Borsten oder Schuppen der Fall ist? Wir gewahren eine Einsenkung in die Haut, die eine Scheide

für den Federschaft bildet, worin zunächst noch unter der Haut eine zylindrische Form entsteht,

aus der dann die hochwachsenden Säulen als Federstrahlen in Erscheinung treten. Wie in vielen

anderen Fällen gilt auch hier, dass es sich um eine „irreduzible Komplexität“ handelt, d.h. man

kann dieses Ganze nur in einer Generation haben, während kumulative Schritte („Teil für Teil“)

nicht (über-)lebensfähig wären. Eine Feder ist ein staunenswertes Geschöpf, woran ersichtlich

wird, wie sich die einzelnen zarten Strahlen in die ganzheitliche Zweckbestimmung einfügen.


Das älteste Federkleid weist der berühmte „Urvogel“ Archaeopteryx auf, was am Berliner Exem-

plar (hinter Panzerglas) gut zu erkennen ist. Er ist eine sog. Mosaikform, da er sowohl Vogelmerk-

male als auch Reptilienmerkmale aufweist. Ob er fliegen konnte, ist umstritten, ebenso ob er als

„missing link“ in Betracht zu ziehen ist. Die Forschung muss freilich annehmen, dass die Vögel

aus kleinen Dinosauriern (Theropoden) hervorgingen und sich nach Art des asymmetrischen Feder-

kleides in die Lüfte erhoben. Allerdings weiß man nicht, welche „Selektionsdrücke“ ein solches

Entwicklungsszenario erzwangen, die man ja ansetzen muss, weil sonst alles beim Alten bliebe.


Wer die Selektion als artbildende Ursache ablehnt, muss nach anderen Ideen des Bildungstriebes

Ausschau halten. Der bedeutende Naturforscher Lamarck brachte einen „inneren Willen“ ins Spiel,

was man so auslegen kann, dass sich das Bedürfnis sein Organ schuf. Die Giraffe wollte an die

hohen Früchte heran gelangen und schuf sich den langen Hals. Wasservögel wollten der ständigen

Nässe entgehen und setzten ihr Bedürfnis mittels langer Beine um. Damit wären wir wieder bei

der Magie. – Nun war es zu früheren Zeiten unumstritten, dass Gott die einzelnen Arten erschaffen

habe. Ohne Vorläuferformen mussten sie sich dann irgendwie aus dem Geist heraus materiell ver-

dichten. Man könnte folglich von „Grundtypen“ sprechen, die sich laufend weiter beerben. Freilich

gibt das der Fossilbericht nicht her, denn das würde z.B. heißen, dass der homo sapiens vor allen

pithekoiden Gestalten existiert haben muss, die ihm gegenüber als Rückentwicklung in Betracht

kämen. Die Folgerichtigkeit würde also auf den Kopf gestellt, denn tatsächlich erscheint ja der

moderne Mensch (im Fossilbericht) erst nach den affenähnlichen Vorfahren. Man kommt ferner

aus folgendem Grund um die Evolution nicht herum: Omne vivum ex ovo, alle Schöpfung entsteht

aus dem „Ei“, aus bio-logischen Vorgängen. Es wird das heute so interpretiert, dass genetische Mu-

tationen bzw. fehlerhafte Umstellungen des Erbguts zur Herausbildung neuer Lebensformen führen.

Vor etwa 150 Jahren hat A.v. Koelliker den Gedanken einer „heterogenen Zeugung“ vertreten,

woran in Deutschland etliche Forscher anknüpften, die sich mit der darwinistischen Lehre nicht

im vollen Einklang sahen. Es wird damit eine sprunghafte Umwandlung ins Auge gefasst, jedoch

nicht bei fertigen Individuen, sondern als Keimmetamorphose, die der mechanischen Einwirkung

zufälliger äußerer Ursachen voraufgeht. Die ideeistische Lehre des Philosophen E.v. Hartmann z.B.

sieht hierin metaphysische Eingriffe, die in der natürlichen Verwirklichung zum Austrag kommen.

Wir können im vorliegenden Rahmen nur wenige Andeutungen liefern. Es ist damit jedenfalls auf

eine immanente Teleologie gewiesen, welche das Ganzheitliche mit dem Mechanischen verknüpft.

Hören wir dazu eine kurze Passage aus seiner Schrift „Wahrheit und Irrtum im Darwinismus“,

was zu dem Besten zählt, was dazu je geschrieben worden ist: „Wie kann nun der ideelle Zweck

sich verwirklichen ohne ein Material, an und in welchem er sich verwirklicht? Und wenn dem so

ist, wie kann er sich verwirklichen ohne die Vermittelung dieses Materials, das ihm als Mittel

der Realisation dient? Kann überhaupt der Zweck Z w e c k sein ohne das reziproke M i t t e l,

kann von Teleologie die Rede sein ohne irgend welche Weise der natürlichen Vermittelung, ohne

ein System natürlicher Mittel d.h. einen Mechanismus? Das Material, in welchem, und die

mechanischen Vermittelungsweisen, durch welche der Zweck sich verwirklicht, sind nur als

Mechanismus, d.h. als Summe vorhandener Kräfte von naturgesetzlicher Wirksamkeit zu denken,

d.h. die Teleologie setzt den Mechanismus v o r a u s und ist ohne diesen unmöglich, ganz ebenso

wie ohne umgekehrt der Mechanismus ohne die Teleologie unmöglich ist.“ – Das Buch ist 1875

erschienen. In unserem Kontext interessant, wenn sich die Logik, die sich sozusagen im Zeitpfeil

bewegt, durch die Intuition einer höheren Sinn- und Seinsbildung als interner Wesensvollzug der

W i r k l i c h k e i t zeigt, die im Gleichnis der Gestaltungstriebe und Lebenstatsachen „Fleisch“

annimmt und damit auf ein verkörpertes Urbild verweist, wobei die Materialität der Träger, nicht

jedoch das Verursachende ist. – Wie soll oder kann der Mensch mit dem Welt-Bild erkennenden

Umgang pflegen, wie, und das ist ganz sicher die Grundfrage, tritt er sich selbst gegenüber auf?




7.


Die Existenzweise des Menschen lässt sich beschreiben als eine Folge von zufälligen, notwendig-

en und beabsichtigten Bewusstseinszuständen, deren Sinnzusammenhang nicht von Natur aus

einem ganzheitlichen, an die Subjektivität gebundenen Grunderlebnis hervorgeht. Es ist vielmehr

so, dass etwas ganzheitlich Tragendes zunächst außen, in Familie und Gemeinwesen, in Bildungs-

einrichtungen und Weltanschauungskulten gesucht und erfahren wird. Das Stückwerk des fragmen-

tierten Selbstbefindens wechselnder Folgezustände bleibt freilich bestehen und wird unter jeglicher

Form von Anteilnahme mitgelesen. An dieser Notlage entzünden sich die größten Problemstoffe,

mitbedingt durch ein gehäuftes Vermissen des Guten und Wahren. Das keimende Bedürfnis jedoch,

nicht e i n e r, sondern wie a l l e zu sein, was einem die Verhältnisse eines „Ganzen“ vor Augen

führe, dessen man selber ermangelt, hat noch nie zu etwas Gutem geführt.


Man möge nicht glauben, dass die neuzeitliche Bewusstseinsverfassung, die sich in ihrer Wirklich-

keitsentfremdung immer stärker geltend macht, den Erkenntnishorizont weiter nicht beeinträchtigt.

Das propagierte Naturbild ist oft nur die „objektivierte“ Projektion zufallsartiger Kausalitäten und

eigener Triebmechanismen, welchen sich das Individualgeschick unterworfen fühlt. Wir können

dieses Thema hier nur kurz streifen. Allerdings reicht dies schon für düstere Zukunftsprognosen.


Es hat den Anschein, als würde etwas Ganzheitliches bloß noch im Formulieren von Sätzen emp-

funden, soweit dafür kein eigens ansetzendes Erkenntnisinteresse besteht. Der Sprechakt peilt noch

das auszudrückende Ganze an, ohne dem einzelne Wörter sinnhaft nicht aneinander gereiht werden

können. Was jedoch den wahren Umfang eines Ganzen erhellt, betrifft im wesentlichen die Selbst-

kultur des ethischen Verhaltens. Würde das wegbrechen, insofern ein jeglicher geistiger Horizont

verloren geht, so bliebe bloß noch ein primitives Gestammle von Neandertaler-Existenzen übrig.

Es ist fast schon allgemeiner Konsens, dass die Bedeutung, der Sinnausbau von Begriffen (und

überhaupt ihr Dasein) nicht auf Universalien, sondern auf konventionelle sprachliche Praktiken

zurückgeht. Wer das so sehen will, macht es real. Wenn danach die Praxis in den Irrsinn treibt, so

löst sich auch alle Bedeutung auf. Insoweit erscheint es nur folgerichtig, wenn für die Regelung

der Daseinsverhältnisse eine künstliche Intelligenz herangezogen werden soll, die alles dasjenige,

was nötig oder gefragt ist, viel besser erledigen kann.


Auch die biologisch-physikalische Forschung zieht ihre Schlüsse nach Art einer künstlichen, dem

ganzheitlichen Denken zuwider laufenden Intelligenz. Etwa so: Warum soll die Erfahrung von aus-

einander hervorgehenden Begriffen nicht schon erweiskräftig für die Tatsache sein, dass auch die

einzelnen Arten auseinander hervorgehen? Es ist doch ohnehin ein Gleiches, ob man nun Innen-

oder Außendinge festhält. Sind doch die inneren „seelischen“ Vorgänge gar nichts anderes als die

äußeren Vorgänge – eben von „innen“ gesehen. Der Monismus führt letztlich zur Auflösung der

Vernunft. Das tertium non datur wird ausgehebelt: oben könnte unten sein, wie auch umgekehrt.

Was etwas bedeutet unterliegt der willkürlichen Festsetzung, womit sich der Irrsinn ungehemmt

fortpflanzt. Es steht zur Frage: Ist wahres Erkennen rein aus der Begriffsintension zu gewinnen?


Wer annimmt, dass allein aus den „Begriffen“ Erkenntnisse mit vollem Wahrheitswert resultieren,

der sollte natürlich auch wissen, was er mit ihnen ins Auge fasst. Man denkt keineswegs in einem

leeren Bewusstseinsraum: – man muss vielmehr etwas unterbewusst Vorempfundenes in Anspruch

nehmen, für das die Begriffe in Dienst treten. Die Bewusstmachung, es sei dies so, treibt die Frage

hervor, ob jene Basisweisen als „zureichender Grund“ für dasjenige haltbar sind, was die begriff-

liche Reflexion, daran anschließend, in das Erkennen hebt. Wie auch immer: ohne einem grund-

gebenden Vorbestand an instinktförmigen Empfindungsweisen kommt das Denken nicht in Gang.


Neben dem Selbst der Person und ihren spezifischen Intentionen lassen sich unbewusste Sinnein-

heiten ausfindig machen, die ein Profil von Urteils- und Vorurteilsmuster aufweisen, auch Seelen-

einprägungen, die sich hemmend oder fördernd auswirken, ferner wie mechanisch auftretende Ver-

haltenszwänge u.a.m., was alles den Boden für die denkerische Existenz abgibt. Man sieht schon:

der freie Geist hat es nicht leicht. Mit der Zeit kommt er ja gewiss zum Vorschein und richtet sich

irgendwie weltanschaulich aus. Er greift Gedanken auf, die seinem Innenleben zur Orientierung

dienen. Werden diese so aufgefasst, als sollten sie alles Schicksalsträchtige von der Erkenntnis

abspalten, dann läuft das Innerliche auseinander: Das Bewusste und das Un-bewusste stehen sich

gegenseitig im Weg. Was jenes will, wird ihm durch dieses verwehrt. Setzt sich das Un-bewusste

durch, so hat das den Vorteil, dass die weltanschaulich gefassten Gedanken in einer oft gediegenen

Anordnung auseinander hervorgehen, da sie dem Modus des nicht vollbewussten Hervorbringens

unterliegen. Der Be-griff geht in ein „Befürworten und Kritiküben“ über, dem eine Grammatik zur

Seite tritt, die das mehr oder minder logische Bildnis eines sachlichen Zusammenhangs vermittelt.

Dieser kann durchaus Geltung beanspruchen, wenn die Quelle in epochemachenden Schöpfungen

anderer Denker liegt, die unter eigener Sicht nachgebildet werden. Es beschreibt dies den Begriff

des Lernens, wobei die konkrete Ausübung in der Lebenspraxis häufig darunter zu leiden hat, dass

die moralische Technik der Gemeinschaftsbildung misslingt, da die Teilnehmer das unterbewusste

Vorwissen ideologisch ausstreuen, oder, was mitunter edler anmutet, lieber ins Schweigen treten.


Für die seelisch beobachtende Bewusstheit ist hingegen klar, dass die hervorgebrachten Begriffe

gar nie auseinander hervorgehen, ist doch auch die (logische) Folgerichtigkeit ein nicht mechani-

sches Inbild und Urbild. Jede begriffliche Setzung verläuft gegen den Zeitpfeil als intuitiv Heran-

kommende, die sich an die aktuellen Realisationsprozesse an-reiht. Hierfür braucht es moralische

Phantasie, und eine Hellsicht auf die Bildeursprünge. – Dies näher auszuführen ist im gewählten

Rahmen nicht möglich. Jedenfalls liegt es in der Folgerichtigkeit des bewussten Denkens, es als

das zu erfassen, was es ist und worin sein Leisten besteht.

April 2022