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Christus und die Kunst


Im Kunstschaffen offenbart sich das Christusschaffen am Menschenleibe. Die Verlebendigung der sinnlichen Wahrnehmung ist die Gestaltung der neuen Erde. Sie wird der neue Menschentempel sein. Errichtet wird er durch den Menschen selber, insofern er die "zur Produktion des Kunstwerkes sich erhebende" Tätigkeit in sich erweckt. So kann das Erleben, wie sich die Willenskräfte mit der Regsamkeit der Erdenliebe durchziehen, anheben. Die Erde lieben heisst mit dem Christus zusammenarbeiten. Es heisst: lernen, mit seinen Augen die Glut der Farbe zu sehen, lernen, mit seinen Ohren die Ordnung der Dinge im Tönen der Natur, im Schrei des Tieres, in der Menschensprache zu vernehmen und auch der Empfänglichkeit des Stoffes gewahr zu werden, wenn ihm Menschenformen eingebildet werden.


All dies will sagen: der wahre Künstler wandelt auf der Erde und erschafft in ihr den Himmel. Das ist seine Treue, seine Hingabe zur Versöhnlichkeit. Dadurch reift sein Geist heran, um Einlass in die höheren Reiche der geistigen Körperlichkeit zu erhalten. Diese Reifung bedeutet das Ergreifen seiner Aufgabe, durch sein tätiges Erkennen den Gesetzen der Welt zur Auferstehung in ihrer selbstbewusst hervorgebrachten Erscheinung zu verhelfen. So zieht in sein Erkennen die "Anthroposophie", die Wissenschaft vom lebendigen Geiste, ein. Sie ist die Theorie des geistigen Menschen und beschreibt die Etappen seiner Mission, die Vermählung von Geist und Natur. Diese Mission entsteht nur durch die Zustimmung des freien Menschen, oder noch deutlicher, diese Mission ist Ausdruck des freien Menschen. Ohne ihn bleibt die Gottheit stumm und die Erde kalt. Die Kunstwerke sind sichtbare Zeugen dieser verborgenen Alchemie; sie sind die erregenden Ansätze auf dem noch stummen Mantel der Gottheit, welche aber doch, wie Kieselsteine auf der Wasseroberfläche, die noch schwer betäubte Natur durch die warme Regsamkeit ihrer sich hinziehenden Kreise zu belebter Frische zu erwecken suchen.

                    Fragmentarische Notiz vom 8. Februar 1977

Bild:Ilya Repin, die Versuchung Jesu, Tretjakov-Galerie, Moskau

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