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"Ein Nachrichtenblatt" aus Dornach am 4.Febr. 2024



Es gibt Anthroposophen, die mögen es nicht, als solche bezeichnet zu werden, obwohl sie sich selbst wie die meisten ihrer Zuhörer und Leser an Rudolf Steiners Weisheit und Intentionen abarbeiten. Einer heisst Thomas Heck, der in Dornach lebt, der andere Istvan Hunter, der sich für die Verbreitung von Steiners Idee der Dreigliederung in der Schweiz einsetzt und nebenbei als Katechet in Zürich Theologie studiert. Beide haben wenig bis gar keine Erwartungen in die Zukunft der anthroposophischen Gesellschaft. Ersterer ist zwar jahrzehntelang ihr Mitglied, der zweite ist an ihrer Entstehung und Geschichte kaum interessiert. Nun haben sie sich über die strategischen Konsequenzen, die sie aus dem weitgehend übereinstimmenden Resultat ihrer Kritik ziehen, schriftlich ausgetauscht. - "Ein Nachrichtenblatt", das von Roland Tüscher in Dornach herausgegeben wird, hat den Briefwechsel letzte Woche veröffentlicht. Inhaltlich ist der Briefwechsel gewiss bedeutungslos, er gibt jedoch Anlass, sich bewusst zu werden, dass kritische Allianzen nur solange bestehen, als den Beteiligten unklar bleibt, was sie anstreben oder umgestalten, respektive umkrempeln oder missachten wollen. Die grundlegende Frage, ob etwas von alten Bemühungen unabhängig Neues entstehen soll oder ob zu diesem Zwecke die "Strukturen" der anthroposophischen Gesellschaft zuerst optimiert werden müssen - in der verwegenen Hoffnung, allein damit ihre Geistwirksamkeit zu erhöhen - , wird von den Beiden nicht gestellt und bleibt somit unbeantwortet.


Heck ist unentschieden, Hunter möchte Heck dazu bewegen, einzusehen, dass seine jahrelangen Stukturänderungsbemühungen verlorene Liebesmüh gewesen seien. - Heck wie Hunter sehen in den "einheitstaatlichen Verhältnissen der anthroposophischen Gesellschaft" das Problem. Das weckt bei den von der Dreigliederung des sozialen Organismus Begeisterten naheliegende Vorstellungen nach struktureller Differenzierung. Doch ist es Heck zufolge nicht realistisch, solche Veränderungspläne zu entwerfen. Schreibt er zur Verblüffung des Weltalls, nachdem er mit grossem Fleiss seit Jahren auf gerade solche hingearbeitet hat. - Hierin stimmt ihm Hunter bei. Unter dem gemeinsam Abgelehnten, weil zum Misserfolg Verurteilten, stellen sie sich Statutenreformen, Bildgestaltungen, Leitbildanpassungen von Statuten und Gesellschaftsprinzipien vor oder wie immer man dasjenige bezeichnen will, als was Steiner seine Statuten nicht verstanden wissen wollte (auch nicht in einem utopisch nach Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben gegliederten Bauverein).


Wenn diese von Heck und anderen aktiven Mitgliedern in gemeinsamem Wettstreit nach optimierter Verfassung ausgearbeitet und der Goetheanumleitung vorgelegt würden, so würde dies nicht erfolgreich sein. Hunter ruft Heck zur Besinnung: "Wie du halte ich es auch nicht für realistisch, einen Veränderungsplan zu entwerfen, den man dann dem Vorstand der AG hinlegt, oder an der Generalversammlung darüber abstimmt." - Heck ist ohnehin derselben Meinung, denn "ist nicht jeder soziale Organismus etwas Lebendiges – denn nur ein lebendiger Organismus ist überhaupt ein Organismus. Aber kann man etwas Lebendiges organisieren bzw. was kann damit gemeint sein?"


Gut, auch Heck ist skeptisch, dass qualitative Verbesserungen einer Hochschule für Geisteswissenschaft mit Vereinsbeschlüssen zusammenhängen, die in einer dazu erst autoritativ zu privilegierenden Mitgliederinstanz (die "zufälligen", lokal anwesenden und digital zugeschalteten Teilnehmer einer Dornacher Generalversammlung) zu ermitteln wären. Allein die Totalität aller lebenden, eingetragenen Mitglieder seien repräsentativ, egal, aus welchen Gründen sie eingetreten sind und wieviele inzwischen einen unerläuterten Austritt genommen haben. Was bleibt übrig? Hunter zufolge ist die Frage über die Informationszulassung an die Mitglieder entscheidend (das öffentlich vielbekaute Reden über "die Macht des Narrativs"): "Seit jeher liegt die Macht über das Geschehen in der Hand derer, die die Mitglieder informieren und eine konkrete Vorstellung ihres Wunsch-Prozesses haben .. die Vorstände werden sich aus ebendiesem Grund hüten, Roland Tüscher für ENB die Mitgliederlisten auszuhändigen."

Wie ich verstehe, teilt Hunter die Vorstellung des Versagens der Gesellschaft, die deswegen vorliegen soll, weil "die Gesellschaft auf einen Einheitsverein reduziert wurde, und zwar, wie dargelegt, auf den Bauverein. In ihm sind Rechtsleben, Geistesleben und Wirtschaftsleben so vermischt, wie in der übrigen Rechtsordnung auch überall. Sie wurden gar nie getrennt." - Rudolf Steiner hätte die Gesellschaft statuarisch dreigliedern wollen? Wenn auch nicht in den Gründungsstatuten, welche "nur" das Leben des Geistesleben am Goetheanum, das heisst die einvernehmliche Willensbildung ihres Grundstocks beschrieben, so wären die weiteren Schritte der Konstitution gewiss mithilfe des Bauvereins irgendwie dreigegliedert erfolgt.


(Das so begründete Defizit gilt jedoch nur für die Gesellschaft. Für die Hochschule stellt sich für Hunter nicht die Frage des Versagens, sondern die nach der Illusion, dass die von der Gesellschaft getragene Hochschule am Goetheanum nach Rudolf Steiners Tod überhaupt existiert habe. Siehe unten)


Das klingt für jemanden, der die Geschichte der Gesellschaft kennt, als an den eigenen Haaren herbeigezogen und wird, mit der Schlussfolgerung "wie dargelegt" versehen, geradezu mysteriös. - Ein falsches Urteil führt leicht zu weiteren. So beispielsweise zur Forderung an die Mitglieder, sich endlich zu ihrer Mitgliedschaft im Goetheanum-Bauverein (dessen Inexistenz in der Vergangenheit gerichtlich festgestellt wurde) zu bekennen, damit man ihn mit Hilfe des bekannten Theoriemodells für sozial höherstehende Entwicklungen aufnahmefähig machen könne. Für das Geistesleben würde nach erfolgter Dreigliederung nicht die gesamte Gesellschaft, sondern der Vorstand und die Goetheanumleitung, das heisst in Wirklichkeit niemand mehr zuständig sein.


Indem die anthroposophische Gesellschaft als Einheitsverein und damit als konstitutive Fehlleistung beurteilt wird, zählt unter dem Strich nur noch die Frage, wie man die Hebel in die Hand bekommt, um seine Vorstellungen der statuarischen Optimierung am effizientesten durchzusetzen. Dann macht die Äusserung Hunters Sinn: "Die systemimmanenten Voraussetzungen des Einheitsvereins selbst werden dafür sorgen, dass dieser seinen eigenen Notwendigkeiten folgt und nicht davon unabhängigen Idealen. Einen konfliktfreien Veränderungsprozess wird es deshalb nicht geben." - Konflikte dürfen offenbar nicht gescheut werden, welche die von "unabhängigen Idealen" Beflügelten mit den Apparatschicks am Goetheanum auszutragen haben. Einem solchen "Evolutionsprozess" dürften nur Personen zustimmen, welche die wesentlichen Veränderungen nicht im Innern des Geistesschülers (was wäre eine Hochschule für Geisteswissenschaft ohne sie?), sondern darin suchen, wie durch die Änderung von Rechtsvorschriften die Zuständigkeiten von Mandaten und Delegationen im inneren und äusseren Goetheanum-Betrieb "demokratisch optimiert" werden können.


In der Nummer, worin der Briefwechsel erschien, hat Tüscher einen Vortrag Rudolf Steiners abgedruckt, den die Gesellschaftskritiker in ihre Überlegungen nicht einbezogen haben, obwohl gerade darin sowohl das fehlende "reformierende" wie "revolutionierende" Potential der Anthroposophie in aussergewöhnlich starker Tonlage angesprochen wird. Ich sehe nicht, inwiefern der von Steiner geäusserten Auffassung zugestimmt wird, dass "das ganze gegenwärtige Schulwesen keinen Schuss Pulver wert ist!" und "dass wir heute begreiflich machen müssen, dass derjenige, der aus unseren Hochschulen kommt, verdummt ist!"

Rudolf Steiner rief in seinem kämpferischen Vortrag vom 27. Juni 1919 mitten in seinem Wirken für die Dreigliederung des sozialen Organismus der Welt zu: "Ihr habt die Pflicht, Hochschulen zu begründen im Sinne des neuen Geistes!” - In diesem Zusammenhang meint der global bedachte Hunter zu Hecks Bedenken, was aus dem Goetheanum als Hochschule für Geisteswissenschaft wird: "Erstens, würde ich sagen, vergiss die Hochschule. So wie von Steiner intendiert, gab es sie nie. Man hätte sie 1925 zumachen sollen, denn faktisch war sie nicht umsetzbar." - Ein unter Kritikern und Feinden der jeweils gegenwärtigen Goetheanumleitung wohlbekannter Topos: "Faktisch nicht umsetzbar" hiess um die Mitte des letzten Jahrhunderts im Klartext: "Wenn Rudolf Steiner nicht inkarniert ist und sie selber führt." - Autsch ...

Rudolf Steiner hat den Aufbau freier Hochschulen (die, wenn sie frei sein wollen, sich immer als geisteswissenschaftliche darstellen werden) als die zentrale Forderung einer kulturellen Neubildung in Europa erachtet, die er 1924 (etwa in Breslau nach der landwirtschaftlichen Inaugurationstat in Koberwitz) der Jugend gegenüber mit der Verwirklichung anthroposophischer Oasenbildungen auf landwirtschaftlicher Grundlage verband. Diese setzen auf die erfolgende Umwandlung der instinktiven Lebens- und Liebeskräfte. Sie ist die Seele der geistigen Schulung, die in der willentlichen (der anthroposophische Wortgebrauch setzt "ichhaften") Läuterung des instinktiven Seelenlebens besteht ("Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?") und sich dadurch sowohl vom Drang zur gruppenseeligen Sektiererei wie auch dem Trieb zur missionarischen Selbstbestätigung befreit.


Weil diese Relation geistwirklichen Bestand hat, erwähnt Rudolf Steiner in seinem Vortrag zweimal die Jesuiten als Vorbild für einen Willenseinsatz, den er in den damals fehlenden Kooperationsbemühungen in der von ihm vertretenen, erkenntnischristlichen Geistesströmung erhoffte. Letztere nährt sich nicht wie die religiös versklavten Bewegungen (in Christentum, Islam und Hinduismus) aus der wollüstigen Unterwerfung der Gruppe unter Autoritäten und Dogmen, sondern aus der Anstrengung, anderen in ihrer Erkenntnisentwicklung förderlich werden zu können. - Die Ideen Rudolf Steiners, wie sie sich in den "Kernpunkten" und dem "Nationalökonomischen Kurs" dargestellt finden, entstanden damals als die situativ angepassten Hilfestellungen eines real existierenden Geisteslebens.


Zu Beginn seines in "Ein Nachrichtenblatt" abgedruckten Vortrages, mahnt Rudolf Steiner, nichts auf gleichlautende Worte zu geben. Er bringt das Beispiel, dass jemand, ohne etwas von dem Briefwechsel von Goethe mit Herder gewusst zu haben, hundert Jahre danach dieselben Worte verwendet und dass es dennoch "die Wahrheit sein könnte, dass dasjenige, was Goethe oder Herder geschrieben haben, durchsetzt wäre von real Spirituellem und dasjenige, was der Mensch heute schriebe mit denselben Worten, Phrase, Phrase, Phrase ist."


Nachdem es sich herausgestellt hatte, dass die Dreigliederungsbewegung damals versandet war, erklärte Rudolf Steiner den Lehrern der Waldorfschule in Stuttgart am 31. Januar 1923:


"Es ist heute zu spät, irgendwie auf dem Felde desjenigen, was man bisher in Europa Politik genannt hat, etwas zu erreichen. Die einzige Anregung, die ich gegeben habe, war die Verwandlung des alten Dreigliederungsbundes in den ,,Bund für freies Geistesleben". Diese Anregung ging aus von der Erkenntnis, daß man in der Zukunft für Europa und für die gegenwärtige westliche Zivilisation nur noch etwas tun kann durch die Förderung des Geisteslebens als solches. Von da aus muss alles übrige ausgehen."


Das heisst, dass die Begriffsbildung mit der inneren Wirklichkeit dessen, was sich seelisch-geistig während des Beobachtens zeigt, in Überein-stimmung zu bringen ist, um damit das Leben des Geistes in der künstlerischen Ideendarstellung freilassend abbilden zu lernen, und aus dem ich-durchdrungenen Wirklichkeitserlebnis die moralischen Impulse zu schöpfen. Das ist zwar beschwerlich, aber allein heilsam. Dazu eine Forschungsanregung Rudolf Steiners aus seinem Berliner Vortrag vom 16.Juli 1918:


"Es glauben die Menschen schon etwas Bedeutsames zu haben, wenn sie sagen, man solle das gesellschaftliche Zusammenleben nicht als einen Mechanismus, sondern als einen Organismus erfassen .. Darauf kommt es aber an, daß man begreifen lernt, dass die Menschen zu höheren Begriffen noch kommen müssen, als der des Organismus ist, wenn sie die soziale Struktur begreifen wollen. Diese soziale Struktur kann niemals als Organismus begriffen werden; sie muss als Psychismus, als Pneumatismus begriffen werden, denn Geist wirkt in jedem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen. Arm ist unsere Zeit an Begriffen geworden. Wir können nicht eine Volkswirtschaft begründen, ohne das wir hineintauchen in die Geist-Erkenntnis, denn nur da finden wir den Metaorganismus; da finden wir das, was über den blossen Organismus hinausgeht."


RA.Savoldelli - 6. Februar 2024



Eine historische Darstellung des anthroposophischen Gesellschaftsproblems findet sich in des Verfassers Schrift https://www.das-seminar.ch/shop/11-R-A-Savoldelli-Prinzipien-vs-Statuten-Ein-Verwirrspiel-als-Prufstein-der-anthroposophischen-Gesellschaft-p484067029


Siehe auch die Beiträge von Richard Weinberg und Pierre Tabouret im SeminarBlog https://www.das-seminar.ch/post/der-8-februar-1925-und-rudolf-steiners-ansprache-vom-29-juni-1924




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