Die Dualismus-Falle

Seit längerem nehme ich die Äusserungen und Bestrebungen von Matt Ehret war. Er verfolgt die menschliche Geschichte nach dem Steckdosenprinzip als Oszillation von negativer und positiver Energie, als ewige Auseinandersetzung von Gut und Böse. Seine Analysen geschichtlicher Symptomatologie der letzten Jahrhunderte sind einzigartig detalliert und erhellend. Sie enthalten in vielem die Sicht auf antagonistisch sich regende geistige Impulse - individuelle Freiheit als grundlegende Entwicklungskraft der Menschheitsgeschichte gegen manipulative Bevormundung der okkult agierenden Elite - , wie sie bereits sein Lehrer Lyndon la Rouche vertreten hat. Bis heute fehlt ihr die Verinnerlichung der Zwei, das heisst ihre geistige Erkenntnis, um daraus das schöpferisch Dritte, das synthetisch Produktive zu entwickeln. Durch das Anlegen eines vorgeformten Gut/Bös-Rasters wird die geistige Quelle von Geistesströmungen weder erklärt noch verändert. Der Blick in die Kulturgeschichte lehrt, dass einer vorzüglich analytisch operierenden Mentalität die moralisierte Dichotomie sich mit Notwendigkeit als Falle stellt. Die Bewohner des amerikanischen Kontinents haben überdies eine gesteigerte Affinität zu einer im starren Dualismus gefangenen, kosmischen Fehldeutung, die darin liegt, sich entweder mit einem aufgesetzten weissen oder einem schwarzen Hut (es kann auch ein roter oder ein blauer sein) im Kampf zu wähnen und damit, durch Nutzung ideologischer Krücken und kollektiver Gesinnungsbindung den wirklichen Kampfplatz im eigenen Seeleninnern nicht betreten zu können. Doch allein dort beginnt die freie Schulung und die reale Neubildung, wie die Evolutionslehre der modernen Geisteswissenschaft erhellt.


Albert Pike etwa, der Begründer der amerikanischen Freimaurerei des schottischen Ritus, erwähnt in seiner freimaurerischen Jurisdiktion von 1733, aufbewahrt in der Bibliothek von Washington, dass alle freimaurerischen Hochgrade dem wahren Lichtgott Luzifer zu dienen haben, um der "barbarische Gottheit der Christen, Adonai" das Gute entgegenzustellen. (Albert Pike ersetzt CHRISTUS, die Erfüllung der trinitarischen Gottesidee, durch Jehova-Adonai, ohne die jüdische Religion und das alte Testament zu erwähnen. Im ersten verlinkten Beitrag von Matt Ehret stellt er eindringlich die Entstehung des FBI des Edgar Hoover aus der Freimaurertradition von Pike wie auch Hoovers prominente Beteiligung an der Ermordung des Präsidenten J.F.Kennedy dar.) - Besonders irreführend erscheint Ehrets Zuordnung von Gut und Böse auf Plato und Aristoteles. Letzterer wird in Ehrets Interpretation zum Vater des digitalen Transhumanismus, auch hierin folgt er der Konstruktion von Lyndon la Rouche, die durch seine Unfähigkeit bedingt ist, die Seelenverfassung und das Ideenleben eines antiken Philosophen nacherleben zu können. Ehret illustriert die Gegensätze durch ihre bildnerische Darstellung in der "Schule von Athen" des Raphael, der als Vorverkünder der Anthroposphie (ich meine die Individualität, die in Raffaello Santi gelebt hat) als die Aufgabe des humanistischen Christen seiner Zeit die Vereinigung des aristotelischen und des platonischen Ideen-Prinzips durch deren unablässige Harmonisierung in der eigenen Seele imaginiert hat. Darin liegt die geheime Botschaft der "Schule von Athen", darin besteht auch jedes geistige Goetheanum, dessen Methode auf der seelischen Beobachtung der zur inneren Freiheit und Selbstständigkeit führenden Denktätigkeit beruht. (Das gegenwärtige Studienseminar widmet sich dem Essay Herbert Witzenmanns "4x12 und 3x7 - Realisation und Initiation", in dessen Gedankengang die sich ergänzenden Auffassungesformen des inkarnierend karmabewussten, den Geist in der Sinneswelt erfassenden Aristoteles und den in seiner philosophisch durchdrungenen, begeisternden Ideenlehre sich des vorgeburtlichen Geisteslebens bestätigenden Plato aufgenommen wurden. Witzenmanns Essay ist Teil seines anthroposophischen Grundlagenwerkes "Goethes universalästhetischer Impuls - die Vereinigung der platonischen und aristotelischen Geistesströmung." )


In Rudolf Steiners Schrift "Goethes Weltanschauung" lese ich: «Den höchsten Grad der Reife erlangte Goethes Weltanschauung, als ihm die Anschauung der zwei großen Triebräder der Natur: die Bedeutung der Begriffe von Polarität und von Steigerung aufging. Die Polarität ist den Erscheinungen der Natur eigen, insofern wir sie materiell denken. Sie besteht darin, daß sich alles Materielle in zwei entgegengesetzten Zuständen äußert, wie der Magnet in einem Nordpol und einem Südpol. Diese Zustände der Materie liegen entweder offen vor Augen, oder sie schlummern in dem Materiellen und können durch geeignete Mittel in demselben erweckt werden. Die Steigerung kommt den Erscheinungen zu, insofern wir sie geistig denken. Sie kann beobachtet werden bei den Naturvorgängen, die unter die Idee der Entwicklung fallen...»


Hier eine von Matt Ehrets Darstellungen des Antagonismus zwischen Plato und Aristoteles. Und hier stellt er seine Sichtweisei in einem Interview dar.